Kooperationsprojekte mit dem Erinnerungsort Topf & Söhne

In Kooperation mit dem Erinnerungsort Topf & Söhne bietet das Netzwerk zwei unterschiedliche Projekttage an. Das Programm "Von Opfern, Mitläufern und Mittätern im nationalsozialistischen Erfurt" verknüpft die Ausstellung "Der Gelbe Stern. Die Erfurter Familien Cars und Cohn" mit der Ausstellung "Techniker der Endlösung". Das Projekt "Deutsch-jüdische Geschichte und Gegenwart in Erfurt" geht an den Orten des Netzwerks "Jüdisches Leben Erfurt" sowie im Erinnerungsort Topf & Söhne auf Spurensuche.

Von Opfern, Mitläufern, Mitwissern und Mittätern im nationalsozialistischen Erfurt. Spurensuche in den Ausstellungen "Der Gelbe Stern" und "Techniker der 'Endlösung'"

Die Erfurter Familien Cars und Cohn ähnelten sich in ihrer Konstellation. Die Familienväter, Max Cars und Max Cohn, waren Juden und mit einer Nichtjüdin verheiratet. Die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler im Januar 1933 veränderte das Leben beider Familien dramatisch. Alle Familienmitglieder mussten die antijüdisch-rassistischen Schikanen erdulden, die zur Staatsdoktrin geworden waren. Und dennoch waren sie eine gewisse Zeit durch die nichtjüdische Ehefrau bzw. Mutter vor dem Schlimmsten geschützt.

Trotz ähnlicher Rahmenbedingungen verlief das Schicksal der beiden Familien sehr unterschiedlich: Während die Familie Cars überlebte, wurden Max, Helmut und Rosemarie Cohn durch die Nationalsozialisten ermordet. Die Ausstellung "Der Gelbe Stern" zeigt, dass sie von Nachbarn und Arbeitskollegen ohne Not denunziert worden sind. So werden auch Handlungsspielräume von Menschen und deren Nutzung thematisiert.

Auch in der Ausstellung "Techniker der 'Endlösung'" am "Erinnerungsort Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz" steht die Frage nach Handlungsspielräumen und der Verantwortung des Einzelnen im Mittelpunkt. Auch hier haben sich die Firmenchefs und ihre Ingenieure auf eigene Initiative und ohne Zwang durch die Machthabenden in den Dienst der Verfolgung und Vernichtung von Menschen  gestellt. Die Traditionsfirma J. A. Topf & Söhne, bekannt für pietätvolle Feuerbestattungsöfen, begann 1939 Geschäftsbeziehungen mit der SS. Im vollen Wissen um den Einsatz der Technik lieferte die Firma für sechs Konzentrationslager Verbrennungsöfen und stattete die Gaskammern im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau mit Be- und Entlüftungsanlagen aus. Aus eigenem Antrieb effektivierten Ingenieure die industriellen Anlagen für den Völkermord an den europäischen Juden und den Sinti und Roma.

Entsprechend zielt das pädagogische Begleitprogramm auf die  Verantwortung von Mittätern, Mitwissern und Mitläufern ab und stellt damit die Frage, wie das nationalsozialistische Verbrechensregime auch durch das alltägliche Handeln einzelner oder Gruppen von Menschen mit ermöglicht wurde, die nicht unmittelbar zum Terror- und Verfolgungsapparat wie SS, SA, Gestapo etc. gehörten. Ausgehend von dieser Frage an die Geschichte wird auch die  Verantwortung des Individuums in der Gesellschaft heute angesprochen.

In einem Einstieg wird die Lebenswelt jüdischer Jugendlicher, wie die von Helmut, Rosemarie und Alfred Cohn sowie Ruth und Hanne-Lore Cars, thematisiert. Eine Kurzführung durch die Ausstellung "Der Gelbe Stern. Die Erfurter Familien Cars und Cohn" stellt das unterschiedliche Schicksal der beiden Familien vor. Im Erinnerungsort Topf & Söhne begeben die Teilnehmer/-innen auf Spurensuche in die Ausstellung "Techniker der 'Endlösung'" und befragen die Ausstellung nach den Motiven der Beteiligten. Während der abschließenden Diskussion versuchen wir uns der Frage der Verantwortung und der Handlungsalternativen der Einzelnen anzunähern.

Das pädagogische Programm kann als Projekttag von zwei mal eineinhalb Stunden gebucht werden (mit Transfer zwischen der Begegnungsstätte Kleine Synagoge und dem Erinnerungsort sowie einer Pause). Die Module können aber auch an zwei getrennten Tagen stattfinden.

Modul 1:
Einstieg:
Antijüdische Gesetzgebung in ihrer Auswirkung auf die Lebenswelt jüdischer Jugendlicher
(30 Minuten)

Modul 2:
Kurzführung durch die Ausstellung
"Der Gelbe Stern. Die Erfurter Familien Cars und Cohn"
in der Begegnungsstätte Kleine Synagoge Erfurt
(30 Minuten)

Modul 3:
Führung und Selbsterkundung in der Ausstellung
"Techniker der 'Endlösung'"
im Erinnerungsort Topf & Söhne
(90 Minuten)

Modul 4:
Diskussion
"Mittäter – Mitwisser - Mitläufer?"
Handlungsspielräume im Nationalsozialismus
(30 Minuten)

Die Eintritte und die pädagogische Betreuung sind kostenfrei. Spenden sind willkommen.

Rebekka Schubert
Gedenkstättenpädagogin
Julia Roos
Museumspädagogin
work
An der Stadtmünze 4
99084 Erfurt

An der Stadtmünze 4, 99084 Erfurt

Deutsch-jüdische Geschichte und Gegenwart in Erfurt

Im Zentrum des Programms steht die Spurensuche an historischen Orten und originalen Objekten, die Zeugnis ablegen von der wechselvollen Geschichte der Juden in Erfurt. Durch den Blick auf die jüdische Geschichte einer Stadt wird eine Reduktion von Juden als Opfer des Nationalsozialismus vermieden.

In der Alten Synagoge lernen die Besucher/-innen die Anfänge jüdischen Lebens in Erfurt kennen und erfahren vom nachbarschaftlichen Miteinander, das über Jahrzehnte Juden und Christen in Erfurt vereint zu haben scheint. Durch das Pogrom von 1349 werden jedoch der Antijudaismus des Mittelalters sowie die Feindbild-Konstruktion der christlichen Mehrheitsgesellschaft erstmalig ins Bewusstsein gerufen.

Eine Stadtführung spannt den Bogen vom Aufblühen der zweiten jüdischen Gemeinde im 15. Jahrhundert bis zum beginnenden rassistischen Antisemitismus und dessen Auswirkungen auf die Erfurter Gesellschaft im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts.

Im Erinnerungsort Topf & Söhne werden Antisemitismus und Vernichtung als Phänomen der Mehrheitsgesellschaft aus der Perspektive der Mitwisser, Dulder und Mittäter beleuchtet. Er ist die einzige historische Stätte in Europa, an der an einem ehemaligen Firmensitz die Mittäterschaft der privaten Wirtschaft am Massenmord in den nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagern gezeigt und belegt werden kann.

Das Angebot richtet sich an alle an jüdischer Geschichte Interessierten und wird auf unterschiedliche Zielgruppen spezifisch zugeschnitten. Für Schüler/-innen und Studierende wird das Programm interaktiver und dialogischer aufgebaut, selbständige Arbeitsphasen wechseln sich mit angeleiteten ab.

Die empfohlene Dauer des Programms beträgt zwei Tage. Eine verkürzte Version von einen Tag kann entsprechend dem Kenntnisstand und den Interessen der Gruppen auch angeboten werden. Mehr Informationen finden Sie in der Broschüre zum Projekt, die Ihnen hier zum Download bereitsteht.

Die Anmeldung erfolgt über die Gedenkstättenpädagogin des Erinnerungsortes oder die Museumspädagogin der Alten Synagoge.

Rebekka Schubert
Gedenkstättenpädagogin
Julia Roos
Museumspädagogin
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An der Stadtmünze 4
99084 Erfurt

An der Stadtmünze 4, 99084 Erfurt