Die „Erfurter Sammlung“ der Staatsbibliothek zu Berlin und ihre Erforschung

Ausschnitt aus Handschrift, Herbäische Schriftzeichen
Foto: © Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz

Als „Erfurter Sammlung“ der Staatsbibliothek zu Berlin wird das Konvolut von ursprünglich 17 Handschriften aus dem Besitz der mittelalterlichen Gemeinde von Erfurt bezeichnet, das bei dem Pestpogrom im Jahre 1349 in den Besitz des Erfurter Rats gelangte. Die wertvollen Handschriften wurden bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts in der Erfurter Ratsbibliothek unter Verschluss gehalten, gelangten dann in die Bestände der Bibliothek des Evangelischen Ministeriums im Augustinerkloster, von wo sie 1880 aus konservatorischen Gründen an die Königlich Preußische Bibliothek zu Berlin veräußert wurden.

Zu den Handschriften gehören:

Drei sehr wertvolle Bibelhandschriften

  • SBB-PK, Orientabt., Ms. or. fol. 1210, 1211 (Erfurt 1), 1343
  • SBB-PK, Orientabt., Ms. or. fol. 1212 (Erfurt 2), Ende 13. Jhd.
  • SBB-PK, Orientabt., Ms. or. fol. 2013 (Erfurt 3), 12. Jhd.

Ein Pentateuch

  • SBB-PK, Orientabt., Ms. or. fol. 1214 (Erfurt 4), 13. Jhd.

Vier Torarollen

  • SBB-PK, Orientabt., Ms. or. fol. 1215 (Erfurt 6), Ende 13. Jhd.
  • SBB-PK, Orientabt., Ms. or. fol. 1216 (Erfurt 7), 13./14. Jhd.
  • SBB-PK, Orientabt., Ms. or. fol. 1217 (Erfurt 8), 13./14. Jhd.
  • SBB-PK, Orientabt., Ms. or. fol. 1218 (Erfurt 9), 13./14. Jhd.

Eine kleine Masora

  • SBB-PK, Orientabt., Ms. or. fol. 1219 (Erfurt 10), 14./15. Jhd.

Eine Tosefta

  • SBB-PK, Orientabt., Ms. or. fol. 1220 (Erfurt 12), 12. Jhd.

Zwei Sammelhandschriften mit Raschi Kommentaren

  • SBB-PK, Orientabt., Ms. or. fol. 1221 (Erfurt 13), 13. Jhd.
  • SBB-PK, Orientabt., Ms. or. fol. 1222 (Erfurt 14), 13. Jhd.

Eine Sammelhandschrift mit überwiegend Texten zur Halacha und eine Fabelsammlung des Äsop

  • SBB-PK, Orientabt., Ms. or. quart. 685 (Erfurt 15), 13. Jhd.

Ein Machsor

  • SBB-PK, Orientabt., Ms. or. fol. 1224, (Erfurt 18), 13. Jhd.
Bild 3 / 9
  • Doppelseite eines Buches, beschrieben mit Hebräischem Text

    Bibelhandschrift Erfurt 2

    © Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
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Zu den Erfurter Hebräischen Handschriften der Staatsbibliothek zu Berlin gehörte auch eine arabische Hadith-Handschrift (Erfurt 16), die allerdings erst später der Sammlung hinzugefügt wurde und zwei Handschriften (Erfurt 5 und 11), die an private Bibliotheken veräußert wurden.

Forschung

Trotz des immer wieder festgestellten hohen kulturellen Wertes der Erfurter Sammlung der Staatsbibliothek zu Berlin gibt es kaum aktuelle, neuen wissenschaftlichen Methoden angepasste Forschungsarbeiten zu den Handschriften. Wie der folgende Forschungsbericht zeigen wird, ist bislang nie der Versuch unternommen worden, die Manuskripte als Ganzes im Verhältnis zu den anderen uns überlieferten Artefakten der mittelalterlichen Erfurter jüdischen Gemeinde zu betrachten. Folglich gab es auch nicht den Versuch einer kulturellen Verortung der Handschriften in ihren ganz konkreten historischen Entstehungs- und Rezeptionskontext. Die wenigen Einzelstudien zu den Manuskripten stammen vornehmlich aus dem 18. und 19. Jahrhundert und beschäftigen sich beinahe ausschließlich mit den hebräischen Bibelhandschriften der Sammlung, wobei die Lesarten der Bibeltexte, die philologischen Besonderheiten der aramäischen Targumim und die Varianten der masoretischen Kommentare im Mittelpunkt des Interesses standen.

Anfänge

Den Anfang machte 1680 der Augsburger Prediger und Orientalist Matthias Friedrich Beck, der auf der Grundlage der zweibändigen Erfurter Bibelhandschrift (Erfurt 1) eine kommentierte Ausgabe des aramäischen Targum Onkelos der Chronikbücher mit lateinischer Übersetzung herausgab.  Es folgte die 1706 gedruckte Dissertation von Abraham Kall , der auf 36 Seiten die Bibelhandschriften der Sammlung abhandelt. Kall beschränkt sich auf einige wenige Notizen zur Vollständigkeit der Manuskripte, zur Anordnung der biblischen Bücher innerhalb der Hebräischen Bibeln und einigen Feststellungen zu Korrekturen und Varianten der kleinen und großen Masora.
Wichtige Fragen der Materialität, wie Pergament- und Schriftanalysen, Untersuchungen zur Beschaffenheit und Farbe der Tinten, die Feststellung von Tinten- oder Handschriftwechseln sind genauso wenig Teil von Kalls Untersuchungen wie die einzigartigen Mikrographien der Bibelhandschriften. Kall ging – wie alle Bibelwissenschaftler, die nach ihm die Manuskripte untersuchten – methodisch eindimensional mit linguistisch-philologischen Fragestellungen an die Bibelhandschriften heran. Die Erforschung der eigentlichen Textgenese und die damit verbundene Betrachtung des sozio-kulturellen Umfelds des Schreibers, des Auftraggebers und der jüdischen Gemeinde in Erfurt zu einer bestimmten Zeit im Mittelalter standen hier nicht zur Debatte.

Historisch-kritische Bibelauslegung

Einen großen Schritt zur historisch-kritischen Bibelauslegung machte der Hallenser Professor für Orientalische Sprachen und Theologie Johann Heinrich Michaelis mit seiner Ausgabe der Hebräischen Bibel, die 1720 in Halle erschien. Bei der Herstellung dieser Textfassung stützte er sich nicht nur auf die Erfurter Textzeugen der Hebräischen Bibel sondern berücksichtigte die gesamten ihm damals zur Verfügung stehenden Überlieferungen der Hebräischen Bibel. Sein Großneffe Johann David Michaelis führte diesen Ansatz weiter und beauftragte seinen Schüler Johann Christian Wilhelm Diederichs mit einer Überarbeitung des kritischen Apparats der Halleschen Bibel. Diederichs untersuchte erneut die Erfurter Bibelhandschriften und legte nach zweijährigem Studium der Manuskripte seine Ergebnisse 1775 in einer Abhandlung über die Lesarten von 83 Psalmen (insbesondere Varianten der Konsonanten- und Kantilationszeichen) dar.

Der Vollständigkeit halber sei noch der englische Hebraist und Bibelforscher Benjamin Kennicott erwähnt, der in seiner Studie "The Ten Annual Accounts of the Collation of Hebrew MSS of the Old Testament" die Erfurter Bibelhandschriften anerkennend erwähnte und seiner Hoffnung Ausdruck verlieh, „that this Collation will be soon in England“ , um von ihm erforscht zu werden.

Johann Joachim Bellermann

Anfang des 19. Jahrhunderts fasste der gebürtige Erfurter Hebraist und Theologe Johann Joachim Bellermann in den Kapiteln VI–X seiner "Geschichte der bibliothekarischen und musealen Institutionen Erfurts" die Forschungsergebnisse seiner Vorgänger zusammen, wofür er von Paul de Lagarde unermüdlich als Abschreiber, dem es unmöglich wäre „ein weilchen ohne IHMichaelis [IH = Johann Heinrich] klug zu sein“ , bezichtigt wurde. Tatsächlich ist der Eigenanteil in Bellermanns Handschriftenbeschreibungen gering. Bemerkenswert ist allerdings, dass abgesehen von den Bibelhandschriften auch andere Manuskripte der Sammlung in aller Kürze beschrieben werden. Dazu gehören die 4 Torarollen (Erfurt 6–9), die kleine Masora (Erfurt 10) und die Tosefta (Erfurt 12 von Bellermann als „Thalmud, et quidem ea pars, quae Gemara dicitur“  bezeichnet).

Moses Zuckermandel und Paul de Lagarde

Mit den Arbeiten von Moses Samuel Zuckermandel und Paul de Lagarde gelangte die Forschungsgeschichte zur Handschriftensammlung auf ihren Höhepunkt. Zuckermandel hob in seiner 1876 erschienenen Studie zur Erfurter Tosefta erstmals den hohen Wert der Handschrift „Erfurt 12“ hervor.  Er war derjenige, der die Schrift als einen wichtigen Textzeugen des halachischen Werks würdigte, das nur in wenigen zum Teil fragmentarischen Exemplaren  überliefert ist. Der Kodex war vor der richtungsweisenden Studie Zuckermandels wahlweise als Jerusalemer Talmud  oder Mischna  in die Kataloge eingegangen. Allein Zacharias Frankel hatte bereits 1870 in seiner Einführung zum Jerusalemer Talmud  notiert, dass es sich bei dieser Handschrift um das seltene Exemplar einer Tosefta handelte – allerdings ohne weiter auf die Schrift einzugehen. Zuckermandels Arbeit über die Tosefta ist – abgesehen von der kommentierten Übersetzung der in der Sammelhandschrift „Erfurt 15“ enthaltenen Äsopschen Fabeln durch Julius Landsberger  – die einzige umfassende Studie über eine Handschrift aus dem Konvolut. Die Arbeit gilt bis heute als Standardwerk für die Erforschung der zur Tosefta zugehörigen Textgruppe.
Der als bekennender Antisemit in die Geschichte eingegangene Kulturphilosoph und Orientalist Paul de Lagarde machte Ende des 19. Jahrhunderts den letzten Versuch einer Beschreibung der Handschriftensammlung. In seinem Beitrag „Hebräische Handschriften in Erfurt“  bespricht er abgesehen von den Torarollen alle Handschriften der Erfurter Sammlung  und diskutiert darüber hinaus die vorhandene Forschungsliteratur. Lagarde war sich der Tatsache durchaus bewusst, dass seine knappen Ausführungen nur Ausgangspunkt für weiterführende Forschungen sein konnten. Er schließt seine Abhandlung mit den Worten:

Die vorliegende beschreibung wird hoffentlich bewirken, daß diese handschriften von nun ab besser in ehren gehalten werden als sie so lange Jahre hindurch in ehren gehalten worden sind. Der dritte bibelkodex, tosefta, die sammlung von schriften der geonen sind schätze, wie sie die größesten bibliotheken nicht aufzuweisen haben, und auch der machzor scheint von hohem werte. Die massora ist nicht erheblich; der targum des ungetüms A hat, soweit ich ihn untersucht, seine bedeutung, obwohl keine grundlegende, und die abschrift der noten Raschis wird ohne frage einem herausgeber der werke Raschis sehr gute dienste leisten.

Neuere Forschungen

Seit der Überführung der „Erfurter Sammlung“ in die Orientalische Abteilung der Königlichen Bibliothek zu Berlin im Jahre 1880 sind die Forschungsbemühungen praktisch zum Erliegen gekommen. Moritz Steinschneider beschreibt den Erwerb des Konvoluts von sechzehn Handschriften und deren allernotwendigsten paläographischen Eckdaten in seinem 1897 veröffentlichten Handschriftenkatalog  in kürzester Form. Mit keinem Wort deutete der große Kodikologe des 19. Jahrhunderts darauf hin, dass die mittelalterlichen Manuskripte der „Erfurter Sammlung“ „nach wie vor zu den spektakulärsten der Berliner Sammlung zählen.“ (Eva Maria Thimme)

Erst mit der von der Staatsbibliothek initiierten Ausstellung „Kitwe-Jad. Jüdische Handschriften – Restaurieren, Bewahren, Präsentieren“ im August 2002 begann eine erneute Beschäftigung mit den wertvollen Manuskripten. Der israelische Handschriftenexperte Malachi Beit Arie (Hebrew University) und Oliver Hahn von der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung riefen ein Forschungsprojekt ins Leben, bei dem die große Bibelhandschrift „Erfurt 1“ einer Materialprüfung unterzogen wurde. Eine eingehende kodikologische und paläographische Untersuchung hatte bereits ein sehr komplexes Bild von der Herstellung der Hebräischen Bibel gegeben.  Die aufwendige Tintenanalyse mittels Röntgenfluoreszenzanalyse bestätigte die Ergebnisse und ergab weitere Einsichten in die Chronologie des Manuskripts.

In dem 2012 erschienenen ersten Band der Reihe „Erfurter Schriften zur jüdischen Geschichte“: „Die jüdische Gemeinde von Erfurt und die SchUM-Gemeinden. Kulturelles Erbe und Vernetzung“ ist außerdem die Studie von Franz Hubmann und Josef Oesch zu finden, in der die Autoren die Torarollen und die Bibelhandschrift „Erfurt 3“ auf Gliederung stark reglementierter Textpassagen – wie das Meerlied und das Moselied – und Sonderzeichen hin untersuchen. Durch die Analyse der angewandten Schreibpraktiken konnten die Handschriften geographisch und zeitlich verortet sowie interessante Erkenntnisse hinsichtlich der Rezeption bestimmter Vorschriften zum rituellen Schreiben gewonnen werden.
Trotz seines außerordentlich hohen kulturellen Wertes ist das Konvolut abgesehen von diesen wenigen Einzelstudien bislang kaum erforscht.

In Zusammenarbeit mit der Handschriftenexpertin Dr. Annett Martini von dem Institut für Judaistik der Freien Universität Berlin und der Orientabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin, wo die Handschriften bis heute aufbewahrt sind, soll dieses Desiderat nun eingelöst werden. Ziel ist es, die Handschriften erstmals als Ganzes in ihrem konkreten kulturgeschichtlichen Kontext zu betrachten, um aus den uns überlieferten Fragmenten des jüdischen Lebens in Erfurt ein klareres Bild zu formen. Dabei sollen die Handschriften selbst als soziokulturelle Quellen ihrer Entstehung und Rezeption gelesen und zu den kulturellen, architektonischen und rituellen Artefakten (wie dem Schatzfund, der Alten Synagoge, dem mittelalterlichen jüdischen Friedhof sowie dem Tauchbad) aus dem Umfeld der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde von Erfurt in Beziehung (rück)gesetzt werden.

Auf diese Weise können einerseits spannende Einsichten in die kulturelle und soziale Lebenswirklichkeit der Erfurter Juden vor dem Jahre 1349 herausgefunden werden. Auf der anderen Seite weisen die Erfurter Handschriften der Staatsbibliothek zu Berlin in Form von Glossen und Kommentaren zahlreiche Hinweise auf ihre Rezeption nach 1349 auf und stellen somit ein wichtiges Zeugnis für den frühen christlichen Hebraismus und die Erforschung jüdischer Geschichte durch die Vertreter der Wissenschaft des Judentums dar.