Bibelhandschrift, Erfurt 2 (SBB-PK, Orientabt., Ms. or. fol. 1212)

Die Hebräische Bibel "Erfurt 2" stellt eine Riesin unter den mittelalterlichen Bibel-Handschriften dar. Sie ist reich mit Mikrografien verziert, also kleinen Bildern von Fabelwesen und Grotesken, die aus den Buchstaben der Masora, dem textkritischen Kommentar, geformt sind. Auf einzelnen Seiten lässt sich der Gebrauch durch christliche Theologen des 16. Jahrhundert nachweisen: Zu der Zeit, als sich die Handschrift nach dem Pogrom von 1349 in der Erfurter Ratsbibliothek befand, schrieben Humanisten Übersetzungen ins Lateinische oder Deutsche zwischen die Zeilen.

Ausgewählte Seiten der Handschrift

Hier kann man noch deutlich die Löcher sehen, die für die Vorbereitung des Layouts in das Pergament gestochen wurden.

Die in das Pergament gedrückten Linien sollten ein perfektes und gleichmäßiges Schriftbild garantieren.

Diese kleinen Buchstaben bilden den Text der sogenannten "großen Masora". An dieser Stelle besteht sie aus allen fünf Versen der Hebräischen Bibel, in denen das Wort "Bereschit" vorkommt.

Betrachtet man den Schwanz des Vogels genauer, ist festzustellen, dass es sich bei den mit der dunkleren Tinte geschriebenen Worten gar nicht um den masoretischen Kommentar handelt. Vielmehr haben wir es hier höchstwahrscheinlich mit einem Eintrag des Schreibers des masoretischen Kommentars und damit mit dem Hersteller der wunderbaren Mikrographien dieser Bibelhandschrift zu tun: Schneor ben Mosche – Schneor, der Sohn des Mosche, der seinen Namen hier kunstvoll in die Mikrographien verwoben und damit für sein Andenken gesorgt hat. Das Versteckspiel mit dem Namen des Schreibers im Text war in mittelalterlichen Bibelhandschriften keine Seltenheit. Dementsprechend gehört immer auch etwas Glück dazu, sie tatsächlich aufzuspüren.

Gewöhnlich wird eine Bibelhandschrift in zwei bzw. drei Arbeitsschritten hergestellt. Der Schreiber schreibt zunächst den Bibeltext – gegebenenfalls mit einer Übersetzung–, den ein Punktator mit den Vokalzeichen und den entsprechenden Kantillationsanweisungen versieht. Erst dann kommt in manchen Fällen der Illustrator hinzu, um die Handschrift kunstvoll zu dekorieren.

Um den Anfang einer neuen Leseeinheit zu kennzeichnen, haben die Toraschreiber oft das erste Wort des neuen Abschnittes durch besondere Größe oder kunstvolle Mikrographien, die sich wie hier in Form von Fabelwesen und floralen Fantasiegebilden um das Wort ranken, hervorgehoben. Da es im Hebräischen keine Großschreibung gibt, ist das ganze Wort und nicht wie in lateinischen Schriften nur das Initial herausgestellt. Sie sehen hier den das erste Wort des Buches Genesis, das mit dem Wort "Bereschit", "am Anfang", beginnt.

Diese kleinen Zeichen stellen die sogenannte "kleine Masora" dar. Die kleine Masora, die in Form von kleinen Buchstaben zwischen den Kolumnen und am Rand notiert ist, beinhaltet in abgekürzter Form Textvarianten unterschiedlicher Bibelüberlieferungen. Ganz konkret ist hier notiert, wie oft und in welcher Position eines Verses das erste Wort des Buches Genesis, nämlich "Bereschit", in der Hebräischen Bibel vorkommt.

Die Textebene der kunstvollen Mikrographien besteht aus einem Zitateteppich mit ganz bestimmten Versen der Hebräischen Bibel.

Die in den Mikrographien dargestellten Fabel- und Phantasiewesen haben in der Regel nichts mit dem Text, aus dem sie bestehen, zu tun.

Auf jeder Seite dieser Bibelhandschrift ist der in drei Kolumnen angeordnete biblische Text zu sehen, der zweizeilig über, dreizeilig unter und wortweise zwischen den Spalten durch den sehr fein geschriebenen Kommentar der Masoreten ergänzt ist. Die Masoreten waren jüdische Schriftgelehrte, die sich vom 7. Jhd. bis ins 11. Jhd. hinein um die korrekte Schreib- und Leseweise der hebräischen Bibel bemüht haben.

Die meisten Punkte und Striche unter und über diesem Text sind Vokalisationszeichen, die die richtige Aussprache anzeigen. Eine kleinere Anzahl dieser Zeichen sind für den Vorbeter, den Chasan, in der Synagoge bestimmt und legt die Akzente, Pausen und die Sprechmelodie des Textes fest.

Eine Besonderheit dieser Bibelhandschrift ist die versweise eingefügte aramäische Übersetzung, „Targum“ genannt. Seit der Rückkehr der Juden aus dem babylonischen Exil nach Palästina im Jahre 538 v. u. Z. wurde das Aramäische zur Alltagssprache und ersetzte das Hebräische auch im Gottesdienst. Obwohl der Targum im Mittelalter nicht mehr gelesen wurde, bewahren einige Bibeln diese Tradition. Sie sehen hier die aramäische Übersetzung des ersten Verses farbig markiert: "Am Anfang erschuf Gott die Himmel und die Erde".

Auf diesem Bild sehen Sie den Anfang des ersten Kapitels von Genesis mit einer stark verblassten lateinischen Handschrift über einigen hebräischen in erster Linie aber aramäischen Wörtern überschrieben. So steht über dem Hebräischen „Ruach“ – „Geist“ – das lateinische „spiritus“.

Das berühmte „Tohu vaWohu“ vor dem ersten Schöpfungstag heißt auf Aramäisch „Zarja weRekanja“ und ist mit dem Lateinischen „inanis (et) vacua“ überschrieben.

Auf dieser Seite kann man eine weitere Dimension der Bibelhandschrift „Erfurt 2“ entdecken, die nicht so viel über die Entstehung und die Nutzung des Manuskripts in der Erfurter jüdischen Gemeinde erzählt, sondern vielmehr auf ihre Rezipienten nach dem Pogromjahr 1349 verweist. Neben dem eigentlichen masoretischen Text, d.h. all jenen Elementen einer hebräischen Bibel, die den Inhalt dieser Bibel ausmachen, enthält diese Handschrift zusätzlich eine Anzahl von Textschichten hebräischer, lateinischer und deutscher Glossen, Notizen und Randbemerkungen von unterschiedlichen Händen, in unterschiedlichen Zeiten am Rand oder über den Text hinzugefügt.

Gut lesbar steht „fiat lux“ – „es werde Licht“ über dem Hebräischen Original „Jehi Or“.

Schaut man sich diese lateinische Übertragungen genauer an, wird klar, dass neben der Bibelhandschrift „Erfurt 2“ auch eine Vulgata, d.h. die lateinische Bibelübersetzung des Hieronymus auf dem Schreibtisch gelegen haben muss, da beinahe alle Eintragungen dieser Schreiberhand der populären lateinischen Bibelübersetzung folgen. An einigen wenigen Stellen zeugen diese lateinischen Eintragungen jedoch von selbstständigen Übersetzungsversuchen, die durchaus auf eine zumindest rudimentäre Kenntnis der hebräischen und aramäischen Sprache hinweisen.

Das aramäische Wort für „Licht“, nämlich „Nehora“, ist ebenfalls mit „lux“ gekennzeichnet.

Ob dieser Schreiber ein Wörterbuch zur Hand hatte ist allerdings fraglich. Dazu muss bemerkt werden, dass Hebräisch- oder gar Aramäischkenntnisse in christlichen Kreisen von patristischer Zeit an die Ausnahme geworden waren. In der alten Kirche konnten sich nur Origenes (2. Jhd.) und Hieronymus (4. Jhd.) ihrer Hebräischkenntnisse rühmen. Aramäisch wurde immer mit Misstrauen betrachtet – vermutete man im aramäischen Talmud doch christenfeindliche Verleumdungen. Mit der Renaissance und dem Humanismus verwandelte sich das Desinteresse an dem originalen hebräischen Bibeltext in ein eifriges Studium desselben. Der wichtigste Wegbereiter dieser Übersetzungsbewegung in Deutschland war Johannes Reuchlin. Der Humanist und Großonkel Melanchthons hat in Deutschland nicht nur die Tore für das Studium der Griechischen Sprache aufgestoßen, sondern war maßgeblich an der Wiederentdeckung des Hebräischen in christlichen Kreisen beteiligt. Er war der erste christliche Gelehrte, der eine hebräische Grammatik mit Wörterbuch als Einführung in diese Sprache für Nicht-Juden in dieser umfassenden Form verfasst und im Jahre 1506 herausgegeben hat.

Reuchlin betont in seinen Schriften die sprachliche Vermitteltheit der biblischen Offenbarung und fordert ganz klar eine Theologie, der philologische Textkritik vorauszugehen hat. Das heißt aber auch, dass gegebenenfalls autoritativ fixierte Überlieferungen zugunsten besser begründeter Lesarten korrigiert werden sollten. In Bezug auf den Verfasser der Vulgata des Hieronymus und dem berühmten mittelalterlichen Bibelexegeten Nicolaus von Lyra hat Reuchlin den sehr prägnanten Satz verlauten lassen: „Wiewohl ich nämlich den heiligen Hieronymus wie einen Engel verehre und Lyra wie einen Meister achte, bete ich dennoch die Wahrheit als Gott an“. Mit seiner Forderung „ad fontes“, d.h. zu den Quellen zurückzugehen, stand Reuchlin nicht alleine da. Das 16. Jahrhundert sollte die große Zeit der Lexika und Wörterbücher werden in der erstmals auch die aramäische Sprache in christlichen Kreisen gewürdigt wurde.

Zitat aus dem Buch Daniel u.a. 1:7

Zitat aus dem Vers Ester 1:8

Zitat aus dem Vers Ezechiel 25:8

Zitat aus dem Vers Ezechiel 5:7

Zitat aus dem Vers Ezra 2:59

Zitat aus dem Vers Genesis 37:25

Zitat aus dem Vers Jesaja 21:17

Zitat aus dem Vers Sprüche 25:7

Zitat aus dem Psalm 27:2

Zitat aus dem Vers Samuel II 15:5

Zitat aus dem Vers Nehemia 8:6

von

Blatt 1a (reich verziertes Schmuckblatt vor dem Buch Genesis)

Die Bibelhandschrift „Erfurt 2“ enthält alle 24 Bücher des TaNaCH in folgender Reihenfolge: Fünf Bücher Mose; Josua, Richter, Samuel I/II, Könige I/II; Jeremia, Ezechiel, Jesaja, das Zwölfprophetenbuch; das Hohelied, Rut, Klagelieder, Kohelet, Ester; Psalmen, Hiob, Sprüche, Daniel, Esra/Nehemia, Chronik. Eine Besonderheit ist die versweise Einfügung des aramäischen Targum Onkelos in die fünf Bücher Mose. Diese zwei Textschichten sind auf den ersten Blick nicht zu unterscheiden, da das althebräische Schriftsystem, das sich ursprünglich aus dem phönizischen Alphabet ableitete, etwa im fünften vorchristlichen Jahrhundert vom aramäischen Alphabet verdrängt wurde. Das heißt, die hebräischen Texte werden seit dieser Zeit mit aramäischen Buchstaben notiert. Darüber hinaus enthält diese Handschrift den kritischen Kommentar der Masora, den man hier zwischen den Kolumnen (kleine Masora) und über und unter dem Text notiert (große Masora) sehen kann.

Blatt 1b (Beginn des Buches Genesis)

Beim genauen Hinsehen kann man sehr gut die unterschiedlichen Farben der Tinten erkennen. Der zentrale Bibeltext ist mit einer sehr dunklen Tinte geschrieben. Tatsächlich ist es beim Kopieren einer Hebräischen Bibel üblich, dass der Schreiber zuerst den reinen Konsonantentext schreibt. Vorher muss das Pergament mit speziellen Werkzeugen liniert und das bei biblischen Büchern in vielerlei Hinsicht reglementierte Layout festgelegt sein. Am linken Rand noch sehr gut die Löcher zu sehen, die als Hilfe für die korrekte Linienführung in das Pergament gestochen wurden. Das Layout dieser Bibel entspricht dem im aschkenasischen Raum üblichen. Hat der Schreiber seine Monate in Anspruch nehmende Arbeit beendet, kommt der Nakdan, das ist der Punktator ins Spiel, der Vokalzeichen und Kantillationsanweisungen ergänzt. Bei der Herstellung der „Erfurt 2“ hat der Punktator, offensichtlich im selben Arbeitsgang die kleine Masora neben die Kolumnen notiert. Die Tinten weisen in Farbe und Dicke kaum Unterschiede auf. Dagegen bezeugt die eher rötliche Tinte der großen Masora eine dritte Arbeitsstufe, bei der die masoretischen Ausführungen und die kunstvollen Mikrographien zu Pergament gebracht wurden.

Blatt 2a

Der Schrifttyp entspricht der aschkenasischen Quadratschrift, die sich im 11. Jahrhundert mit kleinen Eigenheiten von französischen Handschriften abzusetzen begann. Das heißt, diese Hebräische Bibel ist mit großer Wahrscheinlichkeit im deutschen Raum etwa in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts geschrieben worden. Die geschätzte Entstehungszeit ergibt sich im Wesentlichen durch das Heranziehen vergleichbarer Handschriften aus dieser Zeit.

Wenn man sich eine beliebige Seite der Handschrift anschaut, ist der in drei Kolumnen angeordnete fett geschriebene biblische Text zu sehen. Die meisten Punkte und Striche unter und über diesem Text sind Vokalisationszeichen, die die richtige Aussprache anzeigen. Eine kleinere Anzahl dieser Zeichen sind für den Vorbeter, den Chazan, in der Synagoge bestimmt und legt die Akzente, Pausen und die Sprechmelodie des Textes fest. Neben, über und unter diesen Kolumnen ist sehr fein der Kommentar der Masoreten notiert.

Lateinische Eintragungen

Auf dieser Seite kann man eine weitere Dimension der Bibelhandschrift „Erfurt 2“ entdecken, die nicht so viel über die Entstehung und die Nutzung des Manuskripts in der Erfurter jüdischen Gemeinde erzählt, sondern vielmehr auf ihre Rezipienten nach dem Pogromjahr 1349 verweist. Neben dem eigentlichen masoretischen Text, d.h. all jenen Elementen einer Hebräischen Bibel, die den Inhalt dieser Bibel ausmachen, enthält diese Handschrift zusätzlich eine Anzahl von Textschichten hebräischer, lateinischer und deutscher Glossen, Notizen und Randbemerkungen von unterschiedlichen Händen, in unterschiedlichen Zeiten am Rand oder über den Text hinzugefügt.

Auf diesem Bild sehen Sie den Anfang des ersten Kapitels von Genesis mit einer stark verblassten lateinischen Handschrift über einigen hebräischen, in erster Linie aber aramäischen Wörtern überschrieben. So steht über dem Hebräischen „Ruach“ – „Geist“ – das lateinische „spiritus“. Das berühmte „Tohu vaWohu“ vor dem ersten Schöpfungstag heißt auf Aramäisch „Zarja weRekanja“ und ist mit dem Lateinischen „inanis (et) vacua“ überschrieben. Gut lesbar steht „fiat lux“ – „es werde Licht“ – über dem Hebräischen Original „Jehi Or“, wobei das aramäische Wort für „Licht“, nämlich „Nehora“ ebenfalls mit „lux“ gekennzeichnet ist. Die folgenden Kapitel bis zum Meerlied in Exodus 15 sind von diesen Übersetzungshilfen geprägt, wobei – wie in diesem Beispiel – der aramäische Text im Mittelpunkt des Interesses stand.

Humanistische Sprachstudien

Schaut man sich diese lateinische Übertragungen genauer an, wird klar, dass neben der Bibelhandschrift „Erfurt 2“ auch eine Vulgata, d.h. die lateinische Bibelübersetzung des Hieronymus auf dem Schreibtisch gelegen haben muss, da beinahe alle Eintragungen dieser Schreiberhand der populären lateinischen Bibelübersetzung folgen. An einigen wenigen Stellen zeugen diese lateinischen Eintragungen jedoch von selbstständigen Übersetzungsversuchen, die durchaus auf eine zumindest rudimentäre Kenntnis der hebräischen und aramäischen Sprache hinweisen. Ob dieser Schreiber ein Wörterbuch zur Hand hatte ist allerdings fraglich. Dazu muss bemerkt werden, dass Hebräisch- oder gar Aramäischkenntnisse in christlichen Kreisen von patristischer Zeit an die Ausnahme geworden waren. In der alten Kirche konnten sich nur Origenes (2. Jahrhundert) und Hieronymus (4. Jahrhundert) ihrer Hebräischkenntnisse rühmen. Aramäisch wurde immer mit Misstrauen betrachtet – vermutete man im aramäischen Talmud doch christenfeindliche Verleumdungen. Mit der Renaissance und dem Humanismus verwandelte sich das Desinteresse an dem originalen hebräischen Bibeltext in ein eifriges Studium desselben.

Johannes Reuchlin - Ein deutscher Humanist

Der wichtigste Wegbereiter dieser Übersetzungsbewegung in Deutschland war Johannes Reuchlin. Der Humanist und Großonkel Melanchthons hat in Deutschland nicht nur die Tore für das Studium der griechischen Sprache aufgestoßen, sondern war maßgeblich an der Wiederentdeckung des Hebräischen in christlichen Kreisen beteiligt. Er war der erste christliche Gelehrte, der eine hebräische Grammatik mit Wörterbuch als Einführung in diese Sprache für Nicht-Juden in dieser umfassenden Form verfasst und im Jahre 1506 herausgegeben hat. Reuchlin betont in seinen Schriften die sprachliche Vermitteltheit der biblischen Offenbarung und fordert ganz klar eine Theologie, der philologische Textkritik vorauszugehen hat. Das heißt aber auch, dass gegebenenfalls autoritativ fixierte Überlieferungen zugunsten besser begründeter Lesarten korrigiert werden sollten. In Bezug auf den Verfasser der Vulgata, Hieronymus, und den berühmten mittelalterlichen Bibelexegeten Nicolaus von Lyra hat Reuchlin den sehr prägnanten Satz verlauten lassen: „Wiewohl ich nämlich den heiligen Hieronymus wie einen Engel verehre und Lyra wie einen Meister achte, bete ich dennoch die Wahrheit als Gott an“. Mit seiner Forderung „ad fontes“, d.h. zu den Quellen zurückzugehen, stand Reuchlin nicht alleine da. Das 16. Jahrhundert sollte die große Zeit der Lexika und Wörterbücher werden, in der erstmals auch die aramäische Sprache in christlichen Kreisen gewürdigt wurde.

Erfurt - Ein Zentrum humanistischer Studien

Es sei in diesem Zusammenhang nur am Rande daran erinnert, dass die Erfurter Universität im Zeitalter des Humanismus und der Reformzeit ihre höchste Blütezeit erlebte, da sie offen für die neuen sprachwissenschaftlichen Studien war. Ihr berühmtester Student, Martin Luther, empfahl „wer gut studieren will, der gehe nach Erfurt“ und sicherlich ist es kein Zufall, dass die sagenumwobenen Dunkelmännerbriefe, in denen Johannes Reuchlins Einsatz für den Erhalt hebräischer Literatur verteidigt und die erstarrte Kirche dem Spott preisgegeben wurde, von einem Erfurter Humanistenkreis initiiert wurde.

Blatt 79a (Moseslied)

Mit Blick auf die Bibelhandschrift „Erfurt 2“ steht natürlich die Frage im Raum, wer diese lateinischen Eintragungen wann ausgeführt hat. Die naheliegende Vermutung, dass sich Bibelforscher des 17. und 18. Jahrhunderts in dem Manuskript verewigt haben scheint aufgrund des übungshaften Charakters der Eintragungen eher unwahrscheinlich. Hat sich vielleicht ein Mönch – etwa des Augustinerklosters – der Hebräischen Bibel zugewandt, um den Urtext der Heiligen Schrift zu studieren? Wollte ein beflissener Student der Erfurter Universität seine Hebräischkenntnisse vertiefen? Haben theologische Fragen einen Geistlichen zum Studium der Bibelhandschrift gedrängt? Oder waren es gar Martin Luther bzw. seine hoch sprachbegabten Gehilfen Phillip Melanchthon oder Caspar Cruziger selbst, die hier erste Schritte in die hebräische und aramäische Sprachwissenschaft unternahmen?

Die Bestätigung der letzteren These wäre natürlich spektakulär, kann aber – zumindest im jetzigen Forschungsstadium – nicht gegeben werden. Ein direkter Handschriftenvergleich spricht leider eher gegen Luther, Melanchthon oder gar Reuchlin. Viel wahrscheinlicher haben wir es mit einem weniger bekannten Gelehrten zu tun, der in der humanistischen Atmosphäre Erfurts seinen Horizont in der Praxis zu erweitern suchte. Dass sich die Arbeit am biblischen Text nicht auf das Hebräische beschränkte, sondern auch den aramäischen Targum ins Auge fasste, spricht für einen offenen, interessierten Geist ganz im Sinne des Humanisten Reuchlins, der vor einer Vorverurteilung der aramäischen jüdischen Schriften warnte und das Studium dieser Sprache dringend empfahl.

Das berühmte Schilfmeerlied des Moses

Damals sang Moscheh und die Kinder Israels dieses Lied dem Ewigen und sprachen also: Singen will ich dem Ewigen, denn mit Hoheit hat er sich erhoben; Roß und Reiter hat er geschleudert ins Meer.
Mein Sieg und mein Sang ist Jah, er war meine Rettung; der ist meine Macht, und ich will seine Schöne preisen, der Gott meines Vaters, und ich will ihn erheben.
Der Ewige ist ein Mann des Krieges, der Ewige – das ist sein Name.
Wagen Pharaos und seine Macht hat er geschleudert ins Meer, und der Ausbund seiner Wagenkämpfer wurde versenkt ins Schilfmeer.
Fluten bedeckten sie; sie fuhren hinunter in die Tiefen gleichwie ein Stein.
Deine Rechte, Ewiger, prangend in Stärke, deine Knechte, Ewiger, du hast losgelassen deine Zornglut, sie hat sie verzehret wie Stoppeln.
Und durch den Hauch deiner Nase türmten sich Gewässer, stand wie ein Damm Fließendes, gerannen die Fluten im Herzen des Meeres.
Der Fein sprach: Ich jage nach, erreiche, teile Beute; an ihnen ersatten soll meine Gier; zücken will ich mein Schwert, vertilgen soll sie meine Hand.
Du hauchtest mit deinem Odem, da bedeckte sie das Meer; sie rollten wie Blei in die gewaltigen Wasser.
Wer ist gleich dir unter den Mächten, Ewiger, wer ist gleich dir, prangend in Heiligkeit, furchtbar an Ruhm, Wundertäter.
Du strecktest deine Rechte, die Erde verschlang sie.
Du führst mit deiner Gnade das Volk, so du erlöset; du leitest es mit deiner Macht zur Wohnung deines Heiligtums.
Es hören die Völker, sie beben. Zittern ergreift die Bewohner Peleschet.
Da erschrecken die Stammfürsten Edoms, die Mächtigen Moabs, sie ergreift Beben, vor Angst aufgelöst sind alle Bewohner Kenaans.
Es falle über sie Schrecken und Angst; an der Größe deines Armes erstarren sie wie Stein; bis hinübergezogen dein Volk, Ewiger, bis hinübergezogen das Volk, so du geeignet.
Bis du sie gebracht und eingepflanzt auf den Berg deines Eigentums, die Stätte, die zu deinem Sitze du gemacht, Ewiger, das Heiligtum Herr, das deine Hände eingerichtet.
Der Ewige wird König sein immer und ewig!

Exodus 15:1-18, Übersetzung nach Leopold Zunz

Blatt 115a (Beginn des Buches Levitikus)

Die wohl sinnfälligste Eigenschaft dieser Handschrift ist ihre ungewöhnliche Größe. Eine Seite der etwa 50 kg schweren Schrift ist 56 cm hoch und 39 cm breit.  Mit diesen Maßen ist sie eine wahre Riesin unter den Hebräischen Bibeln. Entsprechend großformatig mussten auch die 588 Pergamentbögen hergestellt werden. Um Pergament in dieser hochwertigen Qualität herzustellen, ist ein langer Bearbeitungsprozess notwendig, bei dem die Haut von rituell reinen Tieren als Ausgangsmaterial dient. Damit sind Tiere gemeint, die nach jüdischen Speisevorschriften zum Verzehr geeignet sind, wie z.B. Rind, Wild oder Schafe, aber im Unterschied zu diesen nicht rituell geschlachtet sein müssen.

Bei der Bibelhandschrift „Erfurt 2“ besteht jede Lage aus vier Bögen übereinandergelegten Pergaments, dass in der Mitte mit einem starken Garn zusammengenäht und einmal gefaltet wurde. In Europa wurden für die Herstellung von Pergament meist Schafe oder Ziegen verwandt und man kann sich ausrechnen, dass eine ziemlich große Schafherde von schätzungsweise 300 Tieren für die Herstellung der Handschrift „Erfurt 2“ ihre Häute lassen musste. Das war auch im Mittelalter eine kostspielige Angelegenheit und  lässt einige Rückschlüsse auf den Auftraggeber zu. Sicherlich haben wir es hier mit einem wohlhabenden Juden aus der ökonomischen Oberschicht zu tun, der den finanziellen Aufwand für eine solche Prachtbibel nicht scheute.

Blatt 150b (Beginn des Buches Numeri), Blatt 257b (Beginn des Buches Richter), Blatt 309a (Beginn des Buches Könige), Blatt 410b (Beginn des Buches Jesaja), Blatt 459b (Schmuckblatt vor dem Hohelied), 460a (Beginn des Hohelieds)

Auf dieser Manuskriptseite können die zahlreichen Bilder über und unter dem biblischen Text bewundert werden. Es handelt sich dabei um sogenannte Mikrographien, die Bild und Text in einem sind. Die Bilder bestehen aus winzig kleinen Buchstaben, Wörtern und Sätzen, die oft nur mit einer Lupe lesbar sind. Bei dem Text in den Bildern der Bibelhandschrift „Erfurt 2“ handelt es sich um den masoretischen Kommentar, der die Konturen der unterschiedlichsten Motive, aber auch ihre Struktur bildet.

Die Bibelhandschrift „Erfurt 2“ nimmt mit ihren Mikrographien eine mittlere Position zwischen einem strengen Bilderverbot und der freien Darstellung auch von Menschen ein. Der Auftraggeber hätte sich eine farbenprächtige Illuminierung seiner Bibel sicher leisten können. Stattdessen wählte er den zurückhaltenden und wahrscheinlich als „gottgefälliger“ angesehenen Weg der schlichten Mikrographie. Diese fromme Zurückhaltung im Buchschmuck trifft übrigens auf die gesamte „Erfurter Handschriftensammlung“ zu.

Blatt 157b

Ein anderer Name, der in dieser Bibelhandschrift – hier unten links an den Rand geschrieben – auftaucht, ist: Salomo ben Schneor Efraim. Vielleicht hat sich hier der Auftraggeber oder ein Besitzer der Handschrift verewigt. Es könnte sich aber auch um den Sohn des Schreibers Schneor ben Mosche und damit um einen zweiten Schreiber dieser Bibelhandschrift handeln.

Blatt 273b (Beginn des Buches Samuel I )

Es gibt zahlreiche rabbinische Vorschriften, die den Gebrauch von biblischen Schriften im profanen Bereich des Hauses erschweren: so kann man in dem im Rheinland des 12. Jahrhunderts verfassten Sefer Hasidim – dem Buch der Frommen – lesen, dass eine Tora oder ein TaNaCh nicht auf oder unter dem Bett liegen sollte; niemand darf sich auf eine Couch setzen, auf der bereits eine Heilige Schrift liegt; sie sollte nie auf einem Sessel wie irgend ein anderes Buch gelesen werden; eine Tora darf darüber hinaus keinen Kontakt mit unreinen Tieren, z.B. Hunden haben; ja, sie sollte mit diesen Tieren nicht einmal in einem Satz erwähnt werden; es ist schließlich ausdrücklich verboten, eine solche Schrift als Schattenspender gegen die Sonne zu halten oder in anderer Weise der eigenen Bequemlichkeit zunutze zu machen. Doch einmal ganz abgesehen davon, dass kein Mensch auf die Idee käme, sich mit einem solch schweren Manuskript gegen die Sonne zu schützen, ist es doch sehr wahrscheinlich, dass die Bibelhandschrift von Anfang an als Schmuckstück einer privaten Handschriftensammlung konzipiert war, die ausgestellt und bewundert und wenn überhaupt nur gelegentlich gelesen werden sollte.

Es ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert, dass sich solche Riesenbibeln im lateinischen Westen seit dem 11. Jahrhundert zunächst in Italien und etwas später dann auch nördlich der Alpen großer Beliebtheit erfreuten. Es sei nur an die prachtvoll illuminierte Gumbertusbibel erinnert, die um 1180 im gleichnamigen Stift in Ansbach entstanden ist. Diese Vorliebe für besonders großformatige religiöse Handschriften im lateinischen Westen könnte durchaus den Anstoß für die sogenannten „Erfurter Riesen“ gegeben haben, zu denen nicht nur zwei übergroße Hebräische Bibeln – eine davon die „Erfurt 2“– , sondern auch ein imposanter Machsor – ein jüdisches Gebetbuch – und eine gigantische Torarolle gehören.

Wir wissen, dass die wohlhabende religiöse Elite der Erfurter Juden sehr gute Kontakte zur christlichen Oberschicht hatte und sich in mancher Hinsicht an die Mehrheitskultur anzupassen suchte. In Anbetracht dessen erscheint das Rätsel um die sogenannten „Erfurter Riesen“ doch nicht so undurchsichtig. Es könnte vielmehr als Zeugnis eines Akkulturationsprozesses, einer Anpassung des jüdischen Lebens an seine christliche Umwelt interpretiert werden.

Blatt 381a (Beginn des Buches Ezechiel)

Interessant an unserer Handschrift sind die abweichenden Tinten der großen Masora auf den ersten beiden Seiten und dem Rest der Schrift. Das könnte darauf hindeuten, dass die ersten beiden Seiten zunächst als Probestücke dem Auftraggeber vorgelegt wurden – eine durchaus übliche Verfahrensweise, um der berühmten Katze aus dem Sack vorzubeugen. In diesem Fall sind die beiden Vorzeigeseiten dann tatsächlich – mit einigen Korrekturen – in die Bibelhandschrift aufgenommen wurden.

Blatt 476b (Beginn der Psalmen)

Sie sehen hier den wunderbar mikrographierten Beginn der Psalmen mit zahlreichen Notizen versehen. Auch in diesem Fall handelt es sich um Übersetzungshilfen – allerdings ins Deutsche –  was natürlich wieder mit Blick auf Luther ganz besonders spannend ist.

In der Nahaufnahme sehen Sie die ersten drei Psalmverse. Luther hat mit einigen wichtigen Unterstützern die erste deutsche Bibelübersetzung, die auf dem hebräischen Original beruht, geschaffen. Es gab auch vor der einflussreichen Lutherbibel schon etwa 70 Bibelübersetzungen ins Deutsche – wie z.B. die 1466 gedruckte deutsche Bibel von Johannes Mentelin – doch basieren diese Übersetzungen alle auf der lateinischen Fassung: der Vulgata.

Bei den deutschen Glossen in der Bibelhandschrift „Erfurt 2“ standen jedoch weder die Lutherbibel noch die wichtigsten deutschen Bibeln Pate. Sprachlich können die deutsche Überschreibungen – wie die Lutherbibel – im frühneuhochdeutschen ostmitteldeutschen Raum verortet werden. Sie wurden wahrscheinlich im 16.  oder Anfang des 17. Jahrhunderts hinzugefügt und verweisen auf jemanden, der selbstständig, ohne deutsche Vorlage eine Übersetzung wagte. Rein theoretisch könnte auch hier Luther in seiner Erfurter Zeit in Frage kommen, doch die unterschiedliche Rechtschreibung – die seiner Zeit allerdings noch fließend war –und die Handschrift selbst sprechen gegen den Reformator. Nichtsdestotrotz sollten auch diese und alle weiteren Einträge in der Bibelhandschrift „Erfurt 2“ einer eingehenden philologischen Untersuchung unterzogen werden, um das Rätsel ihres Ursprungs zu klären.