Tosefta, Erfurt 12 (SBB-PK, Orientabt., Ms. or. fol. 1220)

Die Tosefta besteht, wie die Mischna des babylonischen Talmuds, nicht aus Paragraphen, sondern aus der Wiedergabe von (fiktiven) Diskussionen zwischen Rabbinern, die verschiedene Meinungen zur Auslegung von Gesetzen und Bibelstellen abwägen. Die Tosefta wurde selten eigenständig kopiert, so dass die Erfurter Tosefta eine von weltweit drei bekannten Handschriften dieser Art ist. Unter diesen ist sie die älteste.

Ausgewählte Seiten der Handschrift

Die Geschichte des Einbandes

Die Tosefta ist etwas über 30 cm hoch (Groß-Quart). Der ursprüngliche Einband war ein Eichenholzeinband – als Paul de Lagarde 1871 die Handschrift untersuchte, war dieser bereits so zerstört, dass er die Tosefta neu binden ließ. Dabei fand er im Einband ein Pergamentblatt, das nicht zum Kodex gehörte, sowie einen kleinen Pergamentstreifen mit der Inhaltsangabe, und ließ diese mit einbinden (das Blatt allerdings falsch herum, sodass nun auf Seite 449 fortgesetzt wird, was auf Seite 450 beginnt). Im Zuge dessen veranlasste er auch die Paginierung. Zusätzlich wurden Papierblätter beigebunden, auf eines derer de Lagarde schrieb "Der Ministerial Bibliothek zu Erfurt gehörig. Auf meine Kosten neu gebunden, die hinten angefügten Blätter steckten als Bezug an dem einen der alten Eichenholzdeckel. Vierhundertfünfzig Seiten. Göttingen, December 1871. Paul de Lagarde".

Nur Jaraczewsky hat bei seiner Beschreibung 1868 noch den Originaleinband vor Augen gehabt, und er schreibt: „in dicke Eichenbretter gebunden, in Leder überzogen und mit eisernen Knöpfen versehen“. Als die Handschrift bei de Lagarde ankam, war sie hinten, so schreibt er, „nur durch ein zwei Zoll breites Stück Holz geschützt: der Rest des Deckels weggebrochen“. Der schlichte Einband, den die Abbildung zeigt, ist also von 1871. Bis auf einen kleinen Aufkleber auf dem Rücken, auf dem „Erfurter Handschr. XII“ steht, ist der Einband unbeschriftet.

Zum Layout

Die Paginierung ist also spät, von 1871, und bezieht sich nicht nur auf die Tosefta selbst. Das vordere Blatt Papier mit den Notizen wird nicht mitgezählt, auf dem ersten Pergamentblatt beginnt die Zählung, die sich auf Seiten (nicht auf die Blätter) bezieht. Es folgen 222 Blatt (= 444 Seiten) der eigentlichen Tosefta-Handschrift, wobei die erste Seite des ersten Blattes leer ist. Darauf folgt ein leeres Blatt mit einer Pfandurkunde, der Pergament-Streifen mit der Inhaltsangabe, sowie ein Mischna-Kommentar, weswegen de Lagarde 450 Seiten angibt. Daraufhin folgt noch ein Blatt Papier, das ebenfalls erst bei der Bindung 1871 hinzukam. Vor der Paginierung war die Orientierung im Kodex nur durch in den Ecken stehende Traktatangaben und die Nummerierung der Abschnitte möglich. Zur Orientierung für einen früheren Binder wurden zudem, vermutlich vom Schreiber selbst, ganz schlichte Kustoden am unteren Seitenrand eingefügt, die alle 16 Seiten erfolgen (8 Blätter waren also eine Lage).

Der Text selbst ist im Blocksatz gehalten, ohne dass sich der Schreiber besonders viel Mühe mit der Ordnung gemacht hätte. Wenn ein Wort nicht mehr in die Zeile passt, wird manchmal der Rest leer gelassen, manchmal das Wort über den Rand geschrieben, manchmal wird es halb geschrieben und in der nächsten Zeile fortgesetzt und selten werden auch die Buchstaben des vorhergehenden Wortes sehr weit in die Länge gezogen, um die Zeile zu füllen. Die Lücken im Text zeigen den Beginn eines neuen halachischen Abschnittes an. Die Blätter wurden vor dem Schreiben wie üblich liniert, auch die Linierung ist aber unregelmäßig und pro Blatt sind es mindestens 28, maximal 38 Zeilen.

Deckblatt

Am 3.9.(18)74 notiert der Bibliothekar, Winkler, auf dem vorne beigebundenen Papierblatt (untere Notiz), dass es sich nach allgemeiner Annahme um den Jerusalemischen Talmud handle, Dr. Jaraczewsky aber informiert habe, dass es eine Tosefta sei. Erst von Zuckermandel wird 1876 eine Beschreibung des Kodex vorgelegt, die bis heute die ausführlichste bleibt.

Blatt 2a (Zur Rezeptionsgeschichte im 19. Jahrhundert)

Die Abbildung zeigt die erste Seite der Handschrift; diese enthält keinen Titel oder Verweis darauf, dass es sich um die Tosefta handelt. Deswegen, und wegen der oben beschriebenen Ähnlichkeiten zu anderen rabbinischen Werken, wurde sie lange nicht als solche erkannt. 1868 wurde sie von Jaraczewsky in seiner „Geschichte der Juden in Erfurt“ fälschlicherweise als „Talmud Jeruschalmi" identifiziert; vermutlich orientierte er sich am Katalog der Bibliothek, denn auch dort war die Schrift falsch zugeordnet worden. Moritz Steinschneider schreibt 1862 gar von einer „Mischna“. Erst 1870 wird der Inhalt der Schrift erkannt: Zacharias Frankel, der sich die vermeintliche Talmud-Handschrift für seine „Einleitung in den jerusalemischen Talmud“ bestellt hatte, musste feststellen, dass es sich nicht um das handelte, was er suchte – sondern um eine Tosefta. Adolph Jaraczewsky untersuchte die Schrift daraufhin genauer und informierte im Zuge dessen nun auch die Bibliothek über den eigentlichen Inhalt der Schrift.

Blatt 11a

Das Alter und die Herkunft der Tosefta-Handschrift lassen sich nicht mit Sicherheit bestimmen, da ein Kolophon fehlt, das Auskunft über Verfasser und Entstehungsdatum geben könnte. Es ist für alle Handschriften der Erfurter Sammlung sehr wahrscheinlich, dass sie vor 1349, nämlich vor dem Pestpogrom und dem einstweiligen Ende des jüdischen Lebens in Erfurt, entstanden sein müssen; für die Tosefta gibt es glücklicherweise einen weiteren Terminus ad quem: im jüdischen Jahr 5020, also ca. 1260, wurde die Tosefta als Pfand eines Darlehens gegeben, und dies wurde auf der letzten, leeren Pergamentseite notiert (siehe unten) – die Handschrift entstand also sehr wahrscheinlich vor 1260. Für die Geschichte der Tosefta-Handschrift bis 1260, sowie für die geographische Zuordnung, bleiben nur Spekulationen: So schließt Zuckermandel aus den verschiedenen Randnotizen, dass die Tosefta schon vorher mehrfach den Besitzer gewechselt haben müsse; auch deswegen wird sie häufig ins 12. Jahrhundert datiert.

Eine genauere Datierung wäre wünschenswert, und es ist nicht ausgeschlossen, dass sich noch weitere Anhaltspunkte für Herkunft und Alter der Tosefta-Handschrift finden lassen.

Blatt 19a

Die Tosefta ist vollständig auf Pergament von weniger guter Qualität verfasst. Anders als in den wertvollen Bibelhandschriften finden sich hier viele Blätter, die beschädigt sind, oder an denen große Ecken fehlen. Dass diese Fehler nicht mit der Zeit hinzugekommen, sondern das ausgewählte Pergament weniger wertvoll war, sieht man deutlich – der Schreiber hat in den allermeisten Fällen um die Löcher und Ecken schon herum geschrieben.

Die Schrift ist eine quadratische, am ehesten italienische Handschrift, die Tinte rötlich-braun, Schreiberwechsel sind keine zu bemerken.

Blatt 62b

Die Abbildung zeigt eine weitere interessante Korrektur: Im Traktat Schevi‘it, im 5. Abschnitt, hat der Schreiber „קלקליא“, [Kilkilia, in der Wiener Handschrift Kilikia] vermutlich Kilikien, eine Region in der heutigen Türkei, am Rand in „סיקיליאה“ [gesprochen Sikilia] geändert. Es geht dort um den Import bestimmter Güter, und Schim‘on b. Kahana sagt: „Dieser (Wein) kam in meinen Besitz aus Kilikien“. Trotz einer kleinen Änderung in der Aussprache (Sikilia – Sicilia) mutmaßte Zuckermandel, dass der Schreiber den Wein statt aus Kilikien für aus Sizilien importiert hielt.

Er kommentiert: „Es ist allerdings auch möglich, dass ein Deutscher diese Correktur vornahm, aber zu einer solchen, die doch so spärlich vorkommt, scheint nur die Liebe zur Heimath bewogen zu haben“ (S.19). Auch wenn diese Korrektur nicht als wissenschaftlicher Beweis gelten kann, so stärkt es doch die These, dass die Handschrift italienischer Herkunft sei.

Blatt 92b (Ende des letzten Abschnittes des Traktates Bikkurim)

Ende des letzten Abschnittes des Traktates Bikkurim, dem letzten Traktat der Ordnung Sera‘im. Der Beginn der neuen Ordnung ist hier deutlich markiert.

Allgemeines zur Tosefta
Die Tosefta (תוספתא, aramäisch „Hinzufügung, Ergänzung“) ist eine der halachischen (d.h. die Gesetze betreffenden) Schriften des Judentums. Sie gehört zu den Werken der rabbinischen Literatur und ist eng mit der Mischna verwandt, hinter welcher sie an Bedeutung weit zurückbleibt. Die halachischen Schriften regeln und diskutieren – oft in Anlehnung an halachische Passagen der Bibel – rechtliche Fragen der Religion. Mischna und Tosefta bestehen dabei nicht aus Paragraphen, sondern aus der Wiedergabe von (fiktiven) Diskussionen zwischen Rabbinern, die verschiedene Meinungen zur Auslegung von Gesetzen und Bibelstellen abwägen. Die Mischna hat dabei innerhalb der rabbinischen Tradition den Status der „mündlichen Tora“ erhalten – sie sei zusammen mit der schriftlichen Tora Mose übermittelt und von diesem mündlich weitergegeben worden.

Während für die schriftliche Fixierung der Mischna recht sicher das Jahr 200 n. chr. Z. angegeben werden kann, ist die Entstehungszeit der Tosefta selbst ungeklärt. Da die Tosefta große Ähnlichkeiten zur Mischna aufweist, in die gleichen sechs Ordnungen unterteilt ist (und somit die gleichen Themen behandelt), dabei aber wesentlich umfangreicher ist als die Mischna, wurde sie häufig als erster Mischnakommentar gelesen.

Diese Interpretation, auf die auch der Name (Hinzufügung) verweist, ist allerdings nicht so leicht haltbar, wie es scheint. Die Beziehungen zwischen Mischna und Tosefta sind komplexer und nicht durchgängig die gleichen: An manchen Stellen widerspricht die Tosefta der Mischna, an manchen Stellen ist die Tosefta ohne die Mischna kaum zu verstehen – gelegentlich scheint die Tosefta aber auch das ältere Material oder die ältere Anordnung zu enthalten. Zusätzlich zu diesen Überlegungen muss noch das Verhältnis der Tosefta zu den beiden Talmudim mit einbezogen werden.

Mit welchen Zielen und in welchem Verhältnis zur Mischna die Tosefta verfasst wurde, ist nicht abschließend geklärt. Insofern gibt es nach wie vor viele sich widersprechende Thesen zu Entstehungszeit und -ort der Tosefta. Es ist plausibel, als Redaktionszeit das späte 3. oder frühe 4. Jahrhundert anzunehmen – dabei muss man aber vor Augen behalten, dass die Zeit ihrer Redaktion nichts über das Alter der verschiedenen Teile des Gesamttextes aussagt.

Wegen der Namensähnlichkeit soll hier am Rande erwähnt werden: Die Tosefta hat nichts mit den „Tosafot“, den mittelalterlichen „Zusätzen“ der Raschi-Schüler zu dessen Talmudkommentaren, zu tun.
 

Blatt 171a

An einer Stelle im zweiten Abschnitt des Traktates Sukka findet sich eine Korrektur direkt im Text, mit anderer Tinte: Der Schreiber hatte „pasul“ (unkoscher) geschrieben, wo eigentlich „kaschar“ (koscher) stehen sollte. Es scheint sich dabei um die Handschrift des Schreibers zu handeln. Vielleicht hat er an dieser einen Stelle im Text selbst korrigiert, weil ihm der Fehler so gravierend erschien. Die Handschriften London und Wien haben „kascher“ – die korrigierte Form scheint also die richtige zu sein. Der Fehler verlangt auch nicht zwingend nach einer inhaltlichen Erklärung: Im Verhältnis zu den beiden anderen Handschriften fehlt an der Stelle zusätzlich ein ganzer Satz, an dessen Ende „pasul“ stand. Insofern hatte der Schreiber vermutlich nur eine Zeile übersprungen.

Blatt 181a

Die Abbildung zeigt eine Seite aus der Ordnung Mo‘ed, Traktat Jom Tov; gut sichtbar ist oben links in der Ecke der Name des Traktates, der vermutlich vom Schreiber selbst auf jedem Blatt notiert wurde, und am Rand das ג, hebräisch für 3, das den Beginn des dritten Abschnittes innerhalb des Traktates anzeigt.

Blatt 379a

Die Tosefta weist keine großen Schäden auf. Die Löcher waren, wie oben gezeigt, größtenteils von vorneherein im Pergament. Ein Blatt ist in der Mitte durchgerissen und genäht worden (siehe Abbildung), dies ist aber eines der wenigen Beispiele für größere Schäden. Die ersten Seiten weisen einen Knick in der Mitte auf, so als wäre die Handschrift einmal unvorsichtig zugeschlagen worden. Teilweise finden sich Tintenflecken, häufig ist die Schrift durch Wasser ein wenig verwischt, aber noch lesbar. Die letzten Seiten sind wurmstichig. Wenn man möchte, kann man mit Zuckermandel auf wenigen Seiten Blutspuren vermuten – wie man sehen kann, zeugen diese aber nicht von großen Gefechten.

Blatt 443b

Einige Randnotizen sind eindeutig, andere weniger eindeutig von anderer Hand hinzugefügt worden. So ist Zuckermandel der Meinung, dass die Namen der Traktate und die Nummerierung von späterer Hand stammen – die Handschrift sieht allerdings der des Schreibers selbst sehr ähnlich, die Tinte scheint die gleiche zu sein, und angesichts dessen, dass er diese Notizen vielleicht bewusst etwas kursiver schrieb, könnten sie gut vom gleichen Schreiber stammen. Dasselbe gilt für die meisten der an den Rand geschriebenen Korrekturen. Einige wenige Randnotizen sind allerdings recht eindeutig von anderer Hand geschrieben, wie man in der Abbildung gut erkennen kann. Die insgesamt maximal sechs Notizen, die nicht vom Schreiber selbst zu stammen scheinen, unterscheiden sich selbst noch einmal in zwei (Zuckermandel meint drei) verschiedene Handschriften. Mindestens zwei Besitzer oder Nutzer haben also, beide sehr wenig, in die Handschrift hineingeschrieben.

Korrekturen und Notizen

Korrekturen wurden vom Schreiber in der Regel neben dem Text vorgenommen. Ein falsches Wort wird korrekt neben der Zeile notiert und dabei häufig vokalisiert (die hebräische Schrift besteht nur aus Konsonanten, kleine Zeichen unter und über den Buchstaben zeigen die Vokale an). Die Art, wie der Schreiber die Vokalzeichen verwendete, ist interessant: Für jeden Vokal gibt es nur ein Vokalzeichen (und nicht, wie gewöhnlich, mehrere verschiedene e-Zeichen und a-Zeichen) und es scheint so, als würde er nur die richtige Aussprache des Wortes anzeigen wollen, ohne dabei auf die korrekte Vokalisierung zu achten.

Deckblatt

Offensichtlich gehörte die Tosefta, bevor er sie pfänden musste, zeitweise einem gewissen Rabbi Ja‘akov bar Simcha ha-Lewi, über den leider nichts weiter bekannt ist. Dies geht, genau wie die Datierung auf die Zeit vor 1260, aus der handschriftlichen Notiz hervor, die mit schwarzer Tinte in hebräischer Schreibschrift auf der letzten Pergamentseite eingetragen wurde.

Zumindest der Anfang ist gut leserlich und verständlich (die Lesart orientiert sich weitestgehend an Zuckermandels Interpretation) und lautet übersetzt: Mir, Jehuda bar Schnei’or, wurde hinterlegt diese Tosefta und der Alfasi (-Kommentar) von Rabbi Ja‘akov bar Simcha ha-Lewi und Rabbi El‘asar be-Rabbi Jizchak ha-Lewi. Wenn mir Rabbi Ja‘akov ha-Lewi eine Sakuk (-Münze) von jetzt an bis zum Wochenfest dieses Jahres, des Jahres 20 der (kleinen) Zählung, geben wird, dann bin ich verpflichtet, diese Bücher zurückzugeben an Rabbi Ja‘akov ha-Lewi ...

Auf Hebräisch:
אני יהודה בר שנאור הושלשתי מזאת התוספתא ומן האלפיסי בין ר' יעקוב בר שמחה הלוי ובין ר' אלעזר בר' יצחק הלוי אם יתן לי ר' יעקוב זקוק אחד מכאן עד העצרת של זאת השנה שהיא שנת עשרים לפרט עלי להחזיר את הספרים האילו לר' יעקוב הלוי...]

Anschließend geht es noch darum, was geschieht, wenn das Pfand nicht ausgelöst wird.
Mit Zuckermandel kann man vermuten, dass die Handschrift von 1260 an in der Hand des Sequesters Jehuda b. Schnei’or war, da die Notiz nicht durchgestrichen wurde (und das hätte Rabbi Ja‘akov wohl getan, wenn er das Buch zurück erhalten hätte). Da der Sequester, so mutmaßt Zuckermandel weiter, wohl kaum in das geliehene Buch notiert haben wird, ist es wahrscheinlich, dass es vor Rabbi Ja‘akov b. Simcha noch weitere Besitzer hatte, die für die Randnotizen verantwortlich sind. Jaraczewsky hielt, ohne die Schrift weiter entziffert zu haben, Ja‘akov bar Simcha für den Schreiber des Kodex. Aus der dargestellten und von Zuckermandel zuerst geleisteten Entzifferung geht hervor, dass er nur ein Besitzer war.

Deckblatt

Ein kleiner Pergamentstreifen, der dem Kodex beilag und später mit gebunden wurde, enthält als eine Art Inhaltsangabe die Namen der Traktate. Ein weiterer Grund dafür, dass die Tosefta lange nicht als solche erkannt wurde, ist, dass es sich um eine von wenigen erhaltenen Handschriften des religionsgesetzlichen Werkes handelt. Eine weitere Tosefta-Handschrift befindet sich in Wien (Nationalbibl. Wien hebr. 20). Der Wiener Handschrift fehlen zwar einige Blätter, sie ist aber ansonsten fast vollständig und wird auf das 13. bis 14. Jahrhundert datiert. Auch in London (Brit. Mus., Add. 27296) gibt es eine Handschrift aus dem 15. Jahrhundert, die allerdings nur eine Ordnung (Mo‘ed) enthält. Zudem gibt es eine Handschrift in Zürich aus dem 17. Jahrhundert (nachdem also schon ein Druck vorlag, Erstdruck 1521 auf Grundlage einer uns nicht erhaltenen Handschrift), die die ersten vier Ordnungen umfasst. Darüber hinaus wurden Fragmente und häufig nur wenige Blätter in Faenza (vermutlich 10. Jahrhundert), Norica, und Bologna gefunden, und auch unter den Fragmenten der Kairoer Geniza finden sich einige mit Tosefta-Texten, die nur wenige Blätter umfassen.

Die Erfurter Handschrift ist also die älteste der Handschriften, die einen größeren Teil der Tosefta umfassen - leider ist sie aber keineswegs vollständig: Sie enthält die Ordnungen Sera‘im, Mo‘ed, Naschim und Nesikin, sowie von Kodaschim etwas mehr als die ersten drei Traktate - dann bricht sie ab. Es folgen darauf allerdings noch zwei weitere linierte Pergament-Seiten, was dafür spricht, dass die folgenden Seiten weder verloren sind, noch das Pergament ausgegangen war, sondern der Schreiber aus unbekannten Gründen die Arbeit nicht fortgesetzt hat.

Deckblatt

Von anderer Hand geschrieben sind:
1. Natürlich die oben beschriebene Pfandurkunde, die später und mit schwarzer Tinte hinzugefügt wurde.

2. Die Seiten 450 und 449, ein Blatt, das nicht Teil des eigentlichen Kodexes ist. Es wurde im Einband gefunden und bei der Neubindung hinzugebunden. Das Blatt enthält eine Erklärung zum 3. Abschnitt des Mischna-Traktates Nidda und hat mit der Tosefta nichts zu tun. Die Schreibschrift ist zwischen deutsch und italienisch, die Tinte schwarz und das Pergament von der Beschaffenheit her anders als das Pergament der restlichen Handschrift. (siehe Abbildung)

Deckblatt

3. Die Paginierung in arabischen Ziffern, die ca. 1871 durchgeführt wurde, ist mit Tintenfüller mit blauer Tinte von deutscher Hand hinzugefügt worden. Auch sie hat mit dem eigentlichen Kodex nichts zu tun. In die gleiche Zeit gehören die ebenfalls mit Tintenfüller eingetragenen (und ebenfalls von der Tosefta ganz unabhängigen) Notizen des Bibliothekars, von Paul de Lagarde und von Zuckermandel, der Notizen und eine Abschrift der schwer leserlichen Pfandurkunde auf den später hinzugefügten Papierseiten eintrug. Anders als teilweise bei den Bibelhandschriften der Fall, finden sich sonst keine deutschen oder lateinischen Hinzufügungen. Es scheint, als sei die Tosefta-Handschrift während ihres Aufenthalts im Augustiner-Kloster nicht angerührt worden.

Text: Hanna Zoe Trauer (Studentin der Freien Universität Berlin) in Zusammenarbeit mit Dr. Annett Martini