Mit frischem Blick Szenarien für Erfurts Kulturlandschaft entwickeln

05.02.2020 11:08

„Wir leben in einer Zeit, die wahnsinnig gern zurückschaut, aber nach vorn sind wir eher dystopisch eingestellt“, Dr. Tobias J. Knoblich, Beigeordneter für Kultur und Stadtentwicklung der Landeshauptstadt Erfurt, hatte heute, gemeinsam mit Marlies Imhof, der amtierenden Kulturdirektorin und den Leitern der Kultureinrichtungen zur Jahrespressekonferenz eingeladen. Allgemeinen Unkenrufen zum Trotz konnte Knoblich nicht nur eine Steigerung der Besucherzahlen in Erfurts Kultureinrichtungen bekanntgeben, sondern auch auf die Entwicklung eines Museumsentwicklungskonzeptes schauen, das 2020 von externer Seite aus Szenarien für die Kulturlandschaft entwickeln soll. „Mit frischem Blick“ sollen nicht nur die Sammlungen betrachtet werden, „vor allem der Kommunikationsprozess ist mir wichtig“, so der Beigeordnete.

Jahrespressekonferenz der Kulturdirektion präsentierte Erreichtes und Geplantes

Menschen in Beratungsraum
Foto: „Ziel ist eine Profilierung der Erfurter Museumslandschaft, die den zeitgemäßen Ansprüchen der Erfurter Bürger und ihrer Besucher gerecht wird“, umreißt Knoblich (hinten links) die Aufgabenstellung, die mit Hilfe eines externen Partners umgesetzt werden soll. Foto: © Stadtverwaltung Erfurt / M. Sauerbrey

2019 war für die Kulturdirektion der Stadt Erfurt ein erfolgreiches Jahr. Die städtischen Museen konnten einen Besucherzuwachs von +14% im Vergleich zum Vorjahr verzeichnen, insgesamt 39 Ausstellungen wurden gezeigt. Im Bereich Soziokultur und kulturelle Bildung konnten 98 Projekte der freien Szene in Höhe von 290.000 EUR gefördert werden. „Mit dieser im Vergleich zu 2018 deutlich erhöhten Fördersumme setzen wir als Stadt ein starkes Zeichen für Kunst, Kreativität und kulturelle Teilhabe“, fügt Erfurts Beigeordneter für Kultur Dr. Tobias J. Knoblich hinzu.

Um die Attraktivität der Museen weiter zu erhöhen und notwendige Maßnahmen zu verifizieren, ist für 2020 die Erarbeitung eines Museumsentwicklungskonzeptes geplant. „Ziel ist eine Profilierung der Erfurter Museumslandschaft, die den zeitgemäßen Ansprüchen der Erfurter Bürger und Ihrer Besucher gerecht wird“, umreißt Knoblich die Aufgabenstellung, die mit Hilfe eines externen Partners umgesetzt werden soll. Die Umsetzung erfolgt mit finanzieller Unterstützung durch das Land Thüringen.

Präsentierter Programm-Flyer
Foto: 2020 bilden Jubiläumsausstellungen und Fotografien die Schwerpunkte in den Kunstmuseen. Weitere wichtige Jubiläen und Ausstellungen stehen auch auf dem Ausstellungsplan des Stadtmuseums und der anderen Kultureinrichtungen Foto: © Stadtverwaltung Erfurt / M. Sauerbrey

22 große Veranstaltungen und Märkte, teils über mehrere Tage, werden 2020 auf dem Domplatz stattfinden. Touristischer Höhepunkt wird auch in diesem Jahr der Erfurter Weihnachtsmarkt sein. Die Vorbereitungen zur Ausschreibung eines neuen Konzessionsvertrages für den Weihnachtsmarkt auf dem Wenigemarkt sind inzwischen abgeschlossen und im letzten Amtsblatt sowie auf der Webseite der Stadt Erfurt veröffentlicht worden.

Am 8. Mai 2020 wird die Stadt fraktionsübergreifend und gemeinsam mit der Bevölkerung den 75. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus begehen. Über geplante Veranstaltungen der Stadtverwaltung sowie weiterer zivilgesellschaftlicher Akteure wird noch einmal gesondert informiert.

Die Geschichtsmuseen der Stadt Erfurt konnten 2019 ihre Besucherzahlen steigern. Vor allem der Erinnerungsort Topf & Söhne (+14%), die Wasserburg Kapellendorf (+7%) und die Alte Synagoge (+3%) wurden häufiger besucht 2018. Das Netzwerk „Jüdisches Leben Erfurt“ verzeichnete mit der Alten und der Kleinen Synagoge, der Mikwe, dem Schaudepot mittelalterlicher Grabsteine im Steinernen Haus und den Führungen auf dem jüdischen Friedhof insgesamt 64.500 Besucher.

Besondere Besucherattraktion im Erinnerungsort Topf und Söhne war die Sonderausstellung „Marlene Dietrich. Die Diva. Ihre Haltung. Und die Nazis“ (09.11. – 12.01.2020). Viele Marlene Dietrich-Fans nutzten die Chance, die unbekannte Seite der Diva, die eine entschiedene Gegnerin des Nationalsozialismus war, kennenzulernen. 2020 widmet sich der Erinnerungsort mit der Ausstellung „Die Mädchen von Zimmer 28. L 410, Theresienstadt“ (25.01. – 28.06.2020)  dem berührenden Zeugnis inhaftierter jüdischer Mädchen und beschließt das Jahr mit einer Hommage an die Auschwitz-Überlebende Éva Fahidi-Pusztai innerhalb der Foto-Ausstellung „Evas Apfelsuppe oder Der Duft von Heimat“ (19.09.2020 – 30.05.2021).

Die Schau „Perspektiven – Die Alte Synagoge Erfurt“, die zum zehnjährigen Jubiläum des Museums Alte Synagoge eröffnet wurde, zeigt Fotografien der Thüringer Künstler Ulrich Kneise und Marcel Krummrich noch bis zum 03.05.2020. Auch in diesem Jahr erwarten die Besucher*innen der Alten Synagoge und der mittelalterlichen Mikwe zahlreiche Veranstaltungen – bitte informieren Sie sich hierzu immer tagesaktuell auf der Webseite zum jüdischen Leben in Erfurt. In der zweiten Hälfte des Jahres wird eine Sonderausstellung das Thema „Hochzeit“ rund um den mittelalterlichen Schatz thematisieren.

Das Stadtmuseum beging im letzten Jahr ein ganz besonderes Jubiläum: 2019 wurde das  40-jährige Jubiläum des Carillons im Bartholomäusturm mit einem Festakt, Konzert und der Premiere eines Kurzfilms über dieses einzigartige Instrument gefeiert. 2020 stehen weitere wichtige Jubiläen auf dem Ausstellungsplan: Am 08.03. wird im Stadtmuseum die Ausstellung „Willy Brandt – Freiheitskämpfer, Friedenskanzler, Brückenbauer“ (09.03. – 13.04.), anlässlich des 50. Jahrestags des Besuchs von Bundeskanzler Willy Brandt in Erfurt, eröffnet. Im Rahmen dessen werden am 19. März 2020 um 19 Uhr zu einem Vortrag mit anschließender Podiumsdiskussion unter dem Thema „Die deutsche Nation – eine Idee von gestern?“ Prof. Dr. Peter Brandt (Sohn von Willy Brandt), Ministerpräsident Bodo Ramelow sowie Carsten Schneider (MdB) im Festsaal des Erfurter Rathauses erwartet. Zusätzlich informiert das Stadtarchiv ab 07.03. über die Rolle von Stasi und Presse während des Brandt-Besuchs.

Umfangreiche Baumaßnahmen in den Ausstellungsbereichen, die im Stadtmuseum 2019 begannen und noch bis Anfang Mai andauern, ermöglichen die Ausstellung „Wer war Johann B.? – Trommsdorff und der Aufbruch in die Moderne“ (16.05. bis 28.02.2021). Der Erfurter Johann Trommsdorff – Pharmazeut, Publizist und Humanist von europäischem Rang – wird anlässlich seines 250. Geburtstags mit dieser vielseitigen Schau gewürdigt. Die Eröffnung findet am 15. Mai um 17:30 Uhr im Kaisersaal statt.

Nach Abschluss der Nachlassübertragung des bekannten Erfurter Grafikers und Kulturpreisträgers Siegfried Kraft an das Stadtmuseum in diesem Jahr bilden die mehr als 3.000 Werke die Grundlage für eine Ausstellung anlässlich seines 100. Geburtstages im Buga-Jahr 2021. Kraft war viele Jahre künstlerischer Leiter der damaligen iga und prägte maßgeblich deren Erscheinungsbild. Er entwickelte u. a. das bekannte Maskottchen Florinchen.

Die Kunstmuseen konnten insgesamt mit einem Besucherplus von 30 % ihre Attraktivität deutlich steigern. Sie standen 2019 ganz im Zeichen des Bauhauses. Mit den Ausstellungen „Vier Bauhausmädels“ (Angermuseum), „bauhausFrauen“ und der Kinder- und Jugendausstellung „Bauhaus- Kater Fritzi“ (Kunsthalle) nahmen sie erfolgreich an den bundesweiten Feierlichkeiten zum 100jährigen Bauhausjubiläum teil. Einen außergewöhnlichen Besuchermagnet und aktuellen Bezug zum Thema Nachhaltigkeit stellte die Schau „Zur Nachahmung empfohlen!“ in der Galerie Waidspeicher dar. Hierbei konnte auch das leerstehende und selten geöffnete Vorderhaus des Kulturhofes Krönbacken einbezogen werden.

2020 bilden Jubiläumsausstellungen und Fotografien die Schwerpunkte in den Kunstmuseen. Exemplarisch seien hier die Expositionen im Angermuseum „Wieland Förster. Skulpturen und Zeichnungen. Zum 90. Geburtstag des Bildhauers“ (23.02. bis 24.05.2020) und „Volker Stelzmann – Zum 80. Geburtstag des Malers und Grafikers“ (30.08. bis 15.11.2020) sowie die Fotoausstellung zu „Lee Miller – To believe it“ in der Kunsthalle genannt

Eine Steigerung der Besucherzahl (+16% auf 61.200) verzeichnete auch das Naturkundemuseum mit der Burg Gleichen. Besuchermagnete waren dabei die beiden Sonderausstellungen „Fledermäuse“ und „Drei Gleichen“. Trotz der Baumaßnahmen auf der Burg Gleichen – der Kassenraum wurde restauriert und neu eingerichtet – konnte auch dort ein Besucherplus von 3 % verzeichnet werden. 

Höhepunkte des Naturkundemuseums in diesem Jahr sind neben der Ausstellung „Juwelen der Natur – Orchideen Thüringens“, die Präsentation mehrerer Großtiere, die sich derzeit noch in Präparation befinden. Sie werden im Rahmen des Formats „Das besondere Exponat“ für einen kurzen Zeitraum in den Museumsräumen gezeigt. Das Naturkundemuseum ist auch ein Ort des wissenschaftlichen Austauschs – so ist es 2020 Gastgeber der 7. Internationalen Himalaya-Tagung (27. – 29.03.2020) an der Wissenschaftler aus aller Welt erwartet werden.

Im Bereich Soziokultur und Kulturelle Bildung werden 2020 insgesamt 490.000 EUR an Projektfördermitteln zur Verfügung gestellt, die höchste Summe die jemals an die freie Szene in Erfurt ausgeschüttet wurde. Gefördert werden die Breitenkultur mit 250.000 EUR, die Kunst mit 40.000 EUR sowie das kulturelle Jahresthema 2020 mit 200.000 EUR. Mit „Kultur bildet Stadt“ wurde hierbei erstmalig ein Thema zur kulturellen Bildung ausgewählt, auch mit Blick auf die Teilnahme Bundesprojekt „K² – Netzwerke in Kommunen und Regionen“. Für die drei Projektfördertöpfe liegen der Kulturdirektion 116 Anträge vor.

Für die institutionelle Förderung stehen 2020 1.129.500,- EUR bereit, die sich auf sieben Vereine unterschiedlicher kultureller Sparten verteilen. Es wurden für diese Zuwendungen 68.500 EUR mehr im städtischen Haushalt bereitgestellt als im Vorjahr. 

Zu den bereits bestehenden Kika-Figuren gesellten sich 2019 Moppi und Schnatterinchen hinter der Krämerbrücke dazu. Für Juni 2020 ist die Aufstellung weiterer KiKa-Figuren (Herr Fuchs und Frau Elster) auf dem Theaterplatz geplant, ebenfalls finanziert durch einen Sponsor.

Die Künstlerwerkstätten der Stadt Erfurt bleiben derzeit – aufgrund baulicher Mängel – weitestgehend geschlossen. Im neuen Objekt in der Nordhäuser Straße 81 und 81a werden derzeit noch vorbereitende Umbaumaßnahmen durchgeführt. Die Fertigstellung und der Umzug sind für Ende 2020 geplant. Das Gelände des ehemaligen Garnisonslazarettes kann im Rahmen des Tages der Städtebauförderung am 16.05. besichtigt werden.

Im Stadtarchiv ist noch bis zum 28.02. die Ausstellung „Ein Bürgerwall für unsere Altstadt“ anlässlich des 30. Wendejubiläums (kostenlos) zu sehen. Vom 07.03. bis 30.06. über die Rolle von Stasi und Presse während des Brandt-Besuchs informiert – die Schau ist ebenfalls eintrittsfrei. Die Eröffnung am 07.03. findet im Rahmen des bundesweiten Tages der Archive statt.