Erster Erfurter Synagogenabend in 2026 enthüllt Bedeutendes und verloren Geglaubtes
Jahresprogramm startet am 3. März mit Vortrag von Christoph Lobinger
Der erste Synagogenabend in diesem Jahr widmet sich einem überraschenden Fund im bayrischen Rothenburg ob der Tauber im Sommer 2025. Archäologische Grabungen rund um den heutigen Kapellenplatz enthüllten hier Fundamente eines der bedeutendsten jüdischen Zentren Süddeutschlands und liefern neue Einblicke in die frühe jüdische Geschichte.
Einmal monatlich bietet Arain! öffentliche Vorträge rund um jüdische Geschichte, das Jüdisch-Mittelalterliche UNESCO-Welterbe Erfurt, andere Welterbestätten und das globale Welterbe-Programm. Interessierte können sich in diesem Jahr auf insgesamt acht spannende Themen, fachkundige Gastreferentinnen und -referenten sowie zahlreiche Hintergrundinformationen freuen. Alle Termine sowie der aktuelle Programmflyer sind unter Arain! Der Erfurter Synagogenabend zu finden.
Details zum Vortrag
Die ehemalige Reichstadt Rothenburg ob der Tauber im Landkreis Ansbach in Mittelfranken kann auf eine bedeutende und wechselhafte jüdische Geschichte im Mittelalter zurückblicken. Zu nennen ist hier vor allem der berühmte Talmudgelehrte und Rabbi Meir ben Baruch, aber auch die historischen Quellen zum sogenannten Rintfleisch-Pogrom 1298 belegen eine vergleichsweise große jüdische Gemeinde, die schätzungsweise fast ein Viertel der Bevölkerung der aufstrebenden staufischen Königs- und seit 1274 Freien Reichsstadt darstellten. Das Viertel dieser Gemeinde inklusive der Synagoge kann im Bereich des heutigen Kapellenplatzes verortet werden. Nach einem weiteren verheerenden Judenpogrom von 1349 während der Pest fiel die Synagoge, wie die übrigen Gebäude der jüdischen Gemeinde, an die Stadt Rothenburg.
Zwar entstand bereits wenige Jahrzehnte nach dem Pogrom erneut eine jüdische Gemeinde, zu deren Zentrum entwickelte sich aber die Judengasse im Norden der Rothenburger Altstadt. Die Stadt errichtete auf dem Areal des heutigen Schrannenplatzes eine neue, bescheidenere Synagoge. Die alte Synagoge wurde schließlich 1404 an einen örtlichen Patrizier verkauft, der es 1406 bis 1407 zur Marienkapelle umbauen ließ. Der Kernbau blieb dabei erhalten, unter anderem ergänzt durch eine Apsis im gotischen Stil. Mit der Säkularisation wurde die Kapelle 1805 schließlich abgerissen, womit die letzten sichtbaren Reste der Synagoge verschwanden.
Aufgrund der Sanierung des Kapellenplatzes inklusive Neupflasterung und Baumpflanzungen wurde daher im Sommer 2025 eine bodendenkmalpflegerische Begleitung der bauseitigen Bodeneingriffe erforderlich. Hierbei deckten die von der Stadt Rothenburg beauftragten Archäologen nicht nur hochmittelalterliche Erdbefunde einer hochmittelalterlichen Quartiersbebauung auf, sondern auch einen massiven, langrechteckigen Steinbau mit Anbauten, bei der es sich nach derzeitiger Interpretation um die Überreste der oben genannten Synagoge bzw. Marienkapelle handeln dürfte. Der Fund an dieser Stelle war durchaus überraschend, da die Synagoge bislang in der Forschung an anderer Stelle vermutet wurde, und zeigt einmal mehr den unschätzbaren Wert einer systematischen Bodendenkmalpflege.
Zur Person
Christoph Lobinger studierte zwischen 2005 und 2011 Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie, Mittelalterliche Geschichte sowie Spätantike und Byzantinische Kunstgeschichte an der Ludwig-Maximiliansuniversität München und der Eötvös-Loránd-Universität Budapest. 2015 promovierte er bei Prof. Dr. Bernd Päffgen über das awarenzeitliche Gräberfeld von Edelstal in Ostösterreich.
Nach beruflichen Stationen in Brandenburg und Sachsen ist Lobinger seit 1. Februar 2021 Gebietsreferent der Bodendenkmalpflege an der für Mittelfranken zuständigen Dienststelle Nürnberg des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege. In dieser Funktion betreute er die im Auftrag der Stadt Rothenburg ob der Tauber durchgeführten archäologischen Untersuchungen am Kapellenplatzes.