Verlorenes Erbe wieder aufgedeckt – bodendenkmalpflegerische Maßnahmen im Bereich der mittelalterlichen Synagoge und des ersten jüdischen Viertels in Rothenburg ob der Tauber
Zum Vortrag:
Die ehemalige Reichstadt Rothenburg o. d. Tauber (Lkr. Ansbach, Mittelfranken) kann auf eine bedeutende und wechselhafte jüdische Geschichte im Mittelalter zurückblicken. Zu nennen ist hier vor allem der berühmte Talmudgelehrte und Rabbi Meir ben Baruch, aber auch die historischen Quellen zum sog. Rintfleisch-Pogrom 1298 belegen eine vergleichsweise große jüdische Gemeinde, die schätzungsweise fast ein Viertel der Bevölkerung der aufstrebenden staufischen Königs- und seit 1274 Freien Reichsstadt darstellten. Das Viertel dieser Gemeinde inklusive der Synagoge kann im Bereich des heutigen Kapellenplatzes verortet werden. Nach einem weiteren verheerenden Judenpogrom von 1349 während der Pest fiel die Synagoge wie die übrigen Gebäude der jüdischen Gemeinde an die Stadt Rothenburg. Zwar entstand bereits wenige Jahrzehnte nach dem Pogrom erneut eine jüdische Gemeinde, zu deren Zentrum entwickelte sich aber die Judengasse im Norden der Rothenburger Altstadt. Die Stadt errichtete auf dem Areal des heutigen Schrannenplatzes eine neue, bescheidenere Synagoge, die alte Synagoge wurde schließlich 1404 an einen örtlichen Patrizier verkauft, der es 1406/07 zur Marienkapelle umbauen ließ. Der Kernbau blieb dabei erhalten, unter anderem ergänzt durch eine Apsis im gotischen Stil. Mit der Säkularisation wurde die Kapelle 1805 schließlich abgerissen, womit die letzten sichtbaren Reste der Synagoge verschwanden.
Aufgrund der Sanierung des Kapellenplatzes inklusive Neupflasterung und Baumpflanzungen wurde daher im Sommer 2025 eine bodendenkmalpflegerische Begleitung der bauseitigen Bodeneingriffe erforderlich. Hierbei deckten die von der Stadt Rothenburg beauftragten Archäologen nicht nur hochmittelalterliche Erdbefunde einer hochmittelalterlichen Quartiersbebauung auf, sondern auch einen massiven, langrechteckigen Steinbau mit Anbauten, bei der es sich nach derzeitiger Interpretation um die Überreste der o.g. Synagoge/Marienkapelle handeln dürfte. Der Fund an dieser Stelle war durchaus überraschend, da die Synagoge bislang in der Forschung an anderer Stelle vermutet wurde, und zeigt einmal mehr den unschätzbaren Wert einer systematischen Bodendenkmalpflege.
Einlass ab 18:00 Uhr. Beginn um 18:30 Uhr.
Der Eintritt ist wie immer frei.
Zur Person:
Christoph Lobinger studierte zwischen 2005 und 2011 Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie, Mittelalterliche Geschichte sowie Spätantike und Byzantinische Kunstgeschichte an der Ludwig-Maximiliansuniversität München und der Eötvös-Loránd-Universität Budapest. 2015 promovierte er bei Prof. Dr. Bernd Päffgen über das awarenzeitliche Gräberfeld von Edelstal in Ostösterreich.
Nach beruflichen Stationen in Brandenburg und Sachsen ist Lobinger seit 1. Februar 2021 Gebietsreferent der Bodendenkmalpflege an der für Mittelfranken zuständigen Dienststelle Nürnberg des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege. In dieser Funktion betreute er die im Auftrag der Stadt Rothenburg o.d. Tauber durchgeführten archäologischen Untersuchungen am Kapellenplatzes.