Zwischen Verbrechen und Verleumdung. Verfahren gegen Juden in der spätmittelalterlichen Gerichtspraxis

01.12.2026 18:30 – 01.12.2026 20:30

Vortrag von Jörg Müller, Arye Maimon-Institut für Geschichte der Juden an der Universität Trier, in der Alten Synagoge Erfurt. Eine Veranstaltung im Rahmen der Reihe „Arain! Der Erfurter Synagogenabend“.

Zeichnung von einer Gerichtsverhandlung in Rot auf gelblichem Papier
Ein von einem Juden verübter Diebstahl wird vor Gericht verhandelt Foto: © New York, JTS, Ms. 8972, fol. 125a (Detail)
01.12.2026 20:30

Zwischen Verbrechen und Verleumdung. Verfahren gegen Juden in der spätmittelalterlichen Gerichtspraxis

Genre Veranstaltung
Veranstalter Stadtverwaltung Erfurt, Unesco-Beauftragte in Kooperation mit den Geschichtsmuseen
Veranstaltungsort Alte Synagoge, Waagegasse 8, 99084 Erfurt

Zum Vortrag:

Lange Zeit wurde in der Forschung zur Geschichte der Juden im mittelalterlichen Reichsgebiet die Involvierung von Mitgliedern der jüdischen Minderheit in strafrechtlich relevante Vergehen nicht beachtet. Ältere Untersuchungen beziehen sich vorwiegend auf normative Aspekte und neigen dazu, kriminelle Handlungen jüdischer Akteure als bloße Adaptionen von Handlungsmustern der christlichen Mehrheitsgesellschaft zu betrachten. Die mitteleuropäische Geschichte der Juden in der Vormoderne wurde häufig als permanente Geschichte von Opfern und Leiden gesehen. Neuere, sozial-geschichtlich orientierte Studien stehen dieser einseitigen Auffassung kritisch gegenüber. Vielmehr führt die stärkere Fokussierung der jüdischen Historie auf die Alltagsgeschichte und damit auf die gemeinsame Nutzung von Räumen und Ressourcen durch Juden und Christen zu differenzierteren Aussagen im Hinblick auf das christlich-jüdische Verhältnis in seiner gesamten Bandbreite.

In seinem Vortrag geht der Referent anhand zahlreicher Beispiele aus Gerichtsbüchern, Chroniken und anderen Quellen unter anderem den Fragen nach, welche strafrechtlich relevanten Fälle gegen Juden vor christlichen Gerichten verhandelt wurden, wie das Verhältnis von Rechtsnorm zur tatsächlichen Rechtsprechungspraxis stand, welche Beziehungen zwischen politischen, wirtschaftlichen und religiösen Rahmenbedingungen und Art und Häufigkeit bestimmter Klagen gegen Juden bestanden und wie sich derartige Klagen auf das christlich-jüdische Verhältnis auswirkten.

Einlass ab 18:00 Uhr. Beginn um 18:30 Uhr.
Der Eintritt ist wie immer frei.

Mann mit hellgrauen Haaren, kurzem Bart und Ohrringen
Foto: © Privataufnahme

Zur Person:

Jörg Müller studierte Geschichte und Slavistik in Trier. Im Jahre 2003 wurde er mit der Studie „Vir religiosus ac strenuus – Albero von Montreuil, Erzbischof von Trier (1132–1152)“ promoviert. Von 2000 bis 2005 war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arye Maimon-Institut für Geschichte der Juden an der Universität Trier, von 2005 bis 2007 dessen Geschäftsführer. In dem von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz geförderten Projekt „Corpus der Quellen zur Geschichte der Juden im spätmittelalterlichen Reich“ hatte der Referent von 2007 bis 2019 eine Mitarbeiterstelle inne. Im Anschluss daran war er ein Jahr lang am Seminar für Judaistik der Goethe-Universität Frankfurt beschäftigt. Mit einem von der DFG geförderten Einzelprojekt zu „Jüdischer Delinquenz“ war er von 2021 bis 2025 wieder als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arye Maimon-Institut tätig, unterbrochen von einer einjährigen Anstellung am Salomon Ludwig Steinheim-Institut an der Universität Duisburg-Essen. Seit Oktober 2025 untersucht er an der Universität Trier in einem weiteren DFG-Projekt die jüdische Migration nach Großpolen im späten 14. und frühen 15. Jahrhundert.