Fragen und Antworten zum Welterbe werden

Eine Gruppe von Menschen steht um eine Vitrine, in der mittelalterliche Schmuckstücke liegen. Eine Frau erklärt etwas, während die anderen ihr zuhören.
Foto: © Stadtverwaltung Erfurt

Warum bewirbt sich Erfurt mit seinem jüdischen Erbe und nicht mit der Krämerbrücke/dem Dom und St. Severi/der gesamten Altstadt um den Welterbetitel?

Die Unesco bemüht sich seit einigen Jahren verstärkt darum, die Welterbeliste ausgewogener und gerechter zu gestalten; bislang befinden sich etwa die Hälfte aller Welterbestätten allein in Europa und Nordamerika. Zudem ist das Kulturerbe gegenüber dem Naturerbe sehr stark überrepräsentiert. Vor einigen Jahren hat die Unesco deshalb Icomos damit beauftragt, die aktuelle Welterbeliste zu analysieren und thematische bzw. geographische Lücken zu identifizieren, um die Liste "repräsentativer, ausgewogener und glaubhafter" zu gestalten.

Nach dieser Studie ist jüdisches Erbe unterrepräsentiert. Mittelalterliches und christliches Erbe bzw. historische Altstädte sind in Deutschland und Europa hingegen weit überproportional vertreten. Ein weiterer Antrag mit einem solchen Thema würde darum von der Unesco nicht mehr angenommen.
Die Bewerbung mit den Zeugnissen jüdisch-mittelalterlichen Lebens in Erfurt ist also ein Beitrag dazu, die Welterbeliste ausgewogener zu machen und dem Anspruch der Unesco gerecht zu werden, dass prinzipiell jedes Thema, jede Epoche und jede Region ein Anrecht darauf hat, mit außergewöhnlichem Erbe in das Welterbe aufgenommen zu werden.

Nicht zuletzt ist die jüdische Religion und Kultur ein wesentlicher Bestandteil europäischer und insbesondere deutscher Geschichte. Dies wird im Moment auf der Welterbeliste noch nicht gespiegelt.

Wann wird Erfurt Welterbe sein?

Das ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht endgültig zu beantworten. Deutschland führt, wie jedes andere Land, das am Welterbeprogramm teilnimmt, eine Liste mit Welterbestätten im Wartestand, die so genannte Tentativliste. Nur Stätten, die auf dieser Liste stehen, dürfen sich bei der Unesco bewerben – und zwar in der vorher festgelegten Reihenfolge. Da es bereits so viele deutsche Welterbestätten gibt, darf Deutschland jedes Jahr nur noch einen neuen Welterbe-Antrag einreichen.
Die aktuelle Liste endet im Jahr 2016. Ab 2017 gilt die neue Tentativliste, auf deren Zusammensetzung sich die Kultusministerkonferenz (KMK) im Juni 2014 geeinigt hat.

Erfurt wurde als sechste von insgesamt neun Stätten bundesweit auf die Tentativliste aufgenommen. Je nach dem Fortgang der Bewerbungen, die vor der Thüringer Landeshauptstadt an der Reihe sind, wird diese ihren Antrag also zwischen 2020 und 2022 bei der Unesco einreichen.

Ist der Welterbetitel mit finanzieller Unterstützung verbunden?

Nein. Der Titel "Unesco-Welterbe" ist ein Ehrentitel, der mit weltweitem Prestige verbunden ist. Die Unesco gewährt zwar Staaten in bestimmten Fällen finanzielle Unterstützung bei der Beantragung, der Pflege und dem Unterhalt von Welterbestätten, aber nur, wenn diese dies nicht aus eigener Kraft bewerkstelligen können und die betreffenden Stätten eine thematische Lücke auf der Welterbeliste füllen oder auf dem Gebiet eines Staates liegen, der über noch keine oder nur wenige Welterbestätten verfügt. Deutschland mit seinen aktuell 39 Welterbestätten gehört nicht dazu.