Baugeschichte der Kleinen Synagoge

Fassade der Kleinen Synagoge zum Fluss hin. Große, schmale Fenster mit Rundbogen.
Foto: Außenansicht Kleine Synagoge

Die Kleine Synagoge war das Gotteshaus der jüdischen Gemeinde, die sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts wieder in Erfurt ansiedeln durfte. Mit dem Anwachsen der Gemeinde und dem Bau der Großen Synagoge wurde das Gebäude profaniert. Seit 1998 befindet sich hier eine Begegnungsstätte.

Nach der erzwungenen Abwanderung der Juden aus Erfurt 1453/4, wurde Juden erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Rückkehr nach Erfurt möglich. Seit 1806 nutzten die jüdischen Neuansiedler ein privates Wohnhaus für gemeinsame Gottesdienste, das sich bereits an der Judenschule Nr. 10 (später Nr. 2433; Heute: An der Stadtmünze 5) befand und schon 1817 als "Juden-Bethaus" erwähnt wurde. Im Jahr 1823 erwarb der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Dr. Ephraim Salomon Unger das Haus und ließ es zum Bethaus ausbauen. Bereits 1838 sperrte man das Haus aufgrund von Baufälligkeit wieder und veranlasste einen Neubau.

Unter Einbeziehung des vorhandenen Kellers entstand das heute als Kleine Synagoge bekannte Gotteshaus, das am 10. Juli 1840 feierlich eingeweiht wurde. Im klassizistischen Stil baute man ein zweigeschossiges Haus mit Walmdach, einem Betsaal mit Toraschrein, eine Frauenempore und einem Wohnbereich.

Mit dem stetigen Anwachsen der Gemeinde wurde die Synagoge bald zu klein; darum erbaute die Gemeinde im Jahr 1884 die Große Synagoge am Kartäuserring. In einer feierlichen Prozession durch die Stadt überführte man die Torarollen in die neue Synagoge. Die Gemeinde verkaufte die bisherige Synagoge im darauffolgenden Jahr an den Kaufmann C. C. Römpler, der das Gebäude stark verändern ließ: Auf der Empore wurden Zwischenwände für Wohnräume errichtet und im Saal eine Zwischendecke eingezogen. Die ehemalige Synagoge diente nun als Fasslager und Produktionsgebäude für Essenzen und Spirituosen.

Nachdem das Gebäude in städtischen Besitz übergangen war, baute man 1918 Wohnungen ein und nutzte es bis 1993 profan. Durch diese Veränderungen und Umnutzungen war die ehemalige Synagoge als solche nicht mehr erkennbar und entging wohl auch deshalb einer Zerstörung im Nationalsozialismus.

Wiederentdeckung und Sanierung

Durch die profane Nutzung waren Funktion und Bedeutung des Gebäudes fast vollständig in Vergessenheit geraten. Erst seit den späten 1980er Jahren begann man in Erfurt, wieder auf die Synagoge aufmerksam zu werden. Durch baugeschichtliche Untersuchungen konnte 1993 im über dem Flusslauf herausragenden Anbau der Toraschrein freigelegt werden. Der Schrein und ein Türblatt waren unter Wandverbretterungen und Zimmerdecken verborgen. Die Spuren der Farbfassungen in typisch zeitgenössischen Weiß-Beige-Töne mit vergoldeten Profilen kann man noch an der fragmentarischen vorhandenen Rahmung des Toraschreins finden. Hinter einem tragenden Balken, oberhalb des Toraschreins, legten die Restauratoren eine vollständig erhaltene hebräische Inschrift frei. Hier ist "Wisse, vor wem Du stehst" zu lesen.

Parallel zur Erforschung der Baugeschichte wurden erste Pläne für eine zukünftige Nutzung des Gebäudes erarbeitet. 1992 wurde die Kleine Synagoge unter Denkmalschutz gestellt. Im selben Jahr verabschiedete der Erfurter Stadtrat ein erstes Konzept zur Einrichtung einer Begegnungsstätte an diesem außergewöhnlichen Ort.

Anschließend konnte die Kleine Synagoge restauriert werden. Dabei wurde angestrebt, außen wie innen den originalen Zustand weitgehend wiederherzustellen. Unter den Verschalungen im Betsaal hatten sich glücklicherweise sowohl die Frauenempore als auch der Toraschrein erhalten, so dass sich heute der Innenraum in nahezu ursprünglichem Zustand zeigt. Am 9. November 1998 fand die feierliche Eröffnung der Begegnungsstätte Kleine Synagoge statt.

Treppe welche nach unten führt und vor einer Wand endet
Foto: Zugang zur ehemaligen Mikwe in der Kleinen Synagoge.

Die Mikwe

Bis zur Sanierung der Kleinen Synagoge war die Mikwe in der Kleinen Synagoge verfüllt. Allerdings wird in den Bauakten des 19. Jahrhunderts ein "Frauenbad" erwähnt und im Kellergrundriss ist eine Anlage mit Stufen eingezeichnet.

Bei einer Schachtung in diesem Bereich wurde 1994 die aus Sandstein gemauerte Mikwe freigelegt. Sieben Stufen führen zum Becken hinab, das eine Tiefe von 1,42 Metern und ein Fassungsvermögen von etwa 520 Litern hat. In der Ostwand befinden sich zwei Rohröffnungen, möglicherweise führten Wasserleitungen zur Gera oder der Kesselanlage in der Nordostecke. Hier sind auf den Bauzeichnungen zwei Wasserkessel sichtbar. Der eine diente wohl als Sammelbecken für das gepumpte Wasser, der andere als Heizkessel – denn im 19. Jahrhundert war ein gewisser Anteil erwärmten Wassers in der Mikwe erlaubt.

Ob die Mikwe mit dem Bau der Synagoge 1840 entstand, oder schon Teil des Vorgängerbaus war, ist heute nicht mehr zu belegen.