Der Mittelalterliche Jüdische Friedhof

mittelalterliche Kartenzeichnung zum Friedhof mit Häusern und Bäumen
Karte: © Stadtverwaltung Erfurt, Stadtarchiv

Am Moritztor, an der heutigen Großen Ackerhofsgasse, lag im Mittelalter der Friedhof der jüdischen Gemeinde von Erfurt. Er befand sich außerhalb des von Juden bewohnten Gebietes, wie es ihr Glaube vorschreibt. Seit wann der Friedhof bestand, kann nicht genau bestimmt werden. Es ist aber wahrscheinlich, dass hier seit der Anfangszeit der Gemeinde bestattet wurde. Die ältesten noch heute erhaltenen Grabsteine stammen aus dem 13. Jahrhundert.

1453 erzwang der Erfurter Rat die Abwanderungen der Juden aus der Stadt. Der Friedhof wurde eingeebnet und an seiner Stelle eine städtische Scheune und später der große Kornspeicher errichtet. Die Grabsteine wurden als Baumaterial im gesamten Stadtgebiet verwendet, wo sie bis heute in Gebäuden oder im Straßenbelag aufgefunden werden.

Rechts drei mittelalterliche Grabsteine montiert an einer Wand, im Hintergrund der Eingang zum Museum.
Foto: Grabsteine im Hof der Alten Synagoge Foto: © Stadtverwaltung Erfurt

Eine Auswahl dieser mittelalterlichen Steine wird im Hof der Alten Synagoge gezeigt. Ein weiterer Stein, der Grabstein des Elazar, Sohn des Kalonimos, der lange Zeit im Angermuseum ausgestellt war, ist seit 2012 Teil der Dauerausstellung des Stadtmuseums.

Langfristig sollen alle mittelalterlichen jüdischen Grabsteine im Schaudepot im Keller des sogenannten Steinhauses am Benediktsplatz ihren Platz finden. Aktuell werden hier bereits etwa 50 Steine aufbewahrt. Das Schaudepot ist nur während spezieller Führungen, beispielsweise im Rahmen der Denkmaltage, zu besichtigen.

mittelalterliche Grabsteine in einem Kellergewölbe
Foto: Schaudepot im Keller des Steinernen Hauses Foto: © Stadtverwaltung Erfurt

Die Erfurter Grabsteine stammen aus dem 13. bis 15. Jahrhundert und damit aus einer Zeit, aus der sich nur äußerst selten jüdische Grabsteine erhalten haben. Der bislang älteste jüdische Grabstein wurde im Jahr 1244 für eine Frau errichtet, deren Name nicht mehr lesbar ist. Der zweitälteste Grabstein ist derjenige der Hanah, Tochter des Yehiel ha-Kohen, aus dem Jahr 1245. Dieser Stein ist bisher derjenige mit der aufwändigsten Inschrift.

Grabstein aus Sandstein mit trapezförmigem Abschluss und herbräischer Inschrift
Foto: Grabstein der Hanah, Tochter des Yehiel ha-Kohen, verstorben am 28. März 1245 Foto: © Stadtverwaltung Erfurt

Dies ist der Grabstein,
der gesetzt wurde
zu Häupten der gesegneten jungen Frau:
Es ist die liebenswerte, ehrbare Frau
Ḥanah, Tochter des Yehiel ha-Kohen, die verstarb
Im Jahr fünftausend und fünf
nach der Erschaffung der Welt, am achtundzwanzigsten
Tag des Monats Adar II. Im Garten
Eden möge ihre Ruhe sein, Herberge ihrer Seele,
und mit den frommen Frauen sei ihr Wandeln.
Amen. Selah. – Eine Perle, an jeglichem Ort,
wohin sie geht, ist sie eine Perle, verloren ist sie nur
für ihren Ehemann, Yitshak bar Pesah Hanelah.
Ich bin verbannt, doch meine Seele ist heiter
bei ihrem Herabsteigen und Aufsteigen.
Und zum Herrn werde ich aufsteigen. Amen spreche der Leser.
Und es sei Gnade vom Schöpfer.

Übersetzung der Inschrift (nach M. Boockmann. In: Landeshauptstadt Erfurt und Universität Erfurt (Hg.), Erfurter Schriften zur jüdischen Geschichte, Band 2: Die Grabsteine des mittelalterlichen jüdischen Friedhofs von Erfurt. Jena/Quedlinburg 2013, S. 160)

Insgesamt sind heute noch etwa 110 Grabsteine erhalten. Von ca. 92 besteht Kenntnis über Beschreibungen, Abschriften oder Fotografien. Unter den erhaltenen Steinen sind 23 Stück vollständig oder nahezu vollständig, 87 Grabsteine haben sich nur fragmentarisch erhalten. Alle bekannten Steine sind katalogisiert und die Inschriften übersetzt. Sie wurden 2013 als Band 2 der „Erfurter Schriften zur jüdischen Geschichte“ publiziert.

Literatur: Landeshauptstadt Erfurt und Universität Erfurt (Hg.), Erfurter Schriften zur jüdischen Geschichte, Band 2: Die Grabsteine des mittelalterlichen jüdischen Friedhofs von Erfurt. Jena/Quedlinburg 2013