Handschriften

Die hier pro Handschrift ausgestellten Seiten stellen eine Auswahl dar. In Anordnung und Abfolge entsprechen die Doppelseiten jedoch dem Original.

Doppelseite der Bibelhandschrift Erfurt 2

Bibelhandschrift, Erfurt 2 (SBB-PK, Orientabt., Ms. or. fol. 1212)

Die Hebräische Bibel "Erfurt 2" stellt eine Riesin unter den mittelalterlichen Bibel-Handschriften dar. Sie ist reich mit Mikrografien verziert, also kleinen Bildern von Fabelwesen und Grotesken, die aus den Buchstaben der Masora, dem textkritischen Kommentar, geformt sind. Auf einzelnen Seiten lässt sich der Gebrauch durch christliche Theologen des 16. Jahrhundert nachweisen: Zu der Zeit, als sich die Handschrift nach dem Pogrom von 1349 in der Erfurter Ratsbibliothek befand, schrieben Humanisten Übersetzungen ins Lateinische oder Deutsche zwischen die Zeilen.

Eine aufgeschlagene hebräische Handschrift

Bibelhandschrift, Erfurt 3 (SBB-PK, Orientabt., Ms. or. fol. 1213)

Die Hebräische Bibel „Erfurt 3“ ist mit ihrer Entstehungszeit um 1100, zumindest aber noch ins 12. Jahrhundert, die älteste mittelalterliche hebräische Handschrift aus dem gesamten Erfurter Konvolut. Nicht vollständig überliefert, gibt sie bis heute das ein oder andere Rätsel über ihre Entstehung und Geschichte auf.

Doppelseite einer hebräischen Handschrift

Bibelhandschrift, Erfurt 4 (SBB-PK, Orientabt., Ms. or. fol. 1214)

Im Vergleich zu den drei großen und prächtig verzierten Handschriften "Erfurt 1", "Erfurt 2" und "Erfurt 3" nimmt sich dieses fast schmucklose Manuskript wie eine arme Verwandtschaft aus. Doch findet sich am Ende des Buches Exodus eine interessante Abweichung vom gewohnten Layout: Dort gibt es über vier Seiten einen nur einspaltigen Text, der mit den letzten Versen zweispaltig wird und der Form nach in einem Kidduschbecher endet. Das Bild ist ein schönes Beispiel für die Anwendung eines Kaligramms in der jüdischen Buchkunst.

Doppelseite einer hebräischen Handschrift

Machsor, Erfurt 18 (SBB-PK, Orientabt., Ms. or. fol. 1224)

Ein Machsor dient als Gebetsbuch für die Feiertage. Die "Erfurt 18" enthält Teile der Liturgie für Pessach, das Morgengebet, die Liturgie für Simchat Tora, dem Fest der Torafreuden, und Bußgebete. Die ungewöhnliche Dimension der Handschrift - sie ist 52 x 33 cm groß - scheint ihrer regen Benutzung nicht im Wege gestanden zu haben, wie zahlreiche Randglossen und Unterstreichungen zeigen.

Ein aufgeschlagene Doppelseite einer hebräischen Handschrift

Masora, Erfurt 10 (SBB-PK, Orientabt., Ms. or. fol. 1219)

Schlägt man den unscheinbaren Band der „Kleinen Masora“, „Erfurt 10“ auf, blickt man gleichsam in die spätmittelalterliche Schreibstube eines Kopisten der Masora. Da frühe Abschriften der Tora unterschiedlich stark voneinander abwichen, galt es - in der Masora -, die Variationen zu vergleichen und zu werten, ferner die korrekte Vokalisation zu notieren.

Ein aufgeschlagene Doppelseite einer hebräischen Handschrift

Raschi-Kommentar, Erfurt 14 (SBB-PK, Orientabt., Ms. or. fol. 1222)

Raschi (1040-1105) war der wohl einflussreichste jüdische Bibel- und Talmudexeget des Mittelalters. Seine Kommentare zu Talmud und Bibel gelten bis heute als Meilensteine der jüdischen Kommentarliteratur. Die Sammelhandschrift „Erfurt 14" enthält Raschi-Kommentare zu dem Buch Genesis, zu Prediger und den Klageliedern sowie zu den Haftarot.

Doppelseite einer hebräischen Handschrift

Raschi-Kommentare, Erfurt 13 (SBB-PK, Orientabt., Ms. or. fol. 1221)

Zu einer der höchsten Autoritäten der jüdischen Tradition gehört Rabbi Schlomo Ben Jizchak aus Troyes, bekannt unter seinem Akronym Raschi. Seine Kommentare zu Tora, Hagiographen und Talmud haben bis in die Gegenwart nichts an Tiefsinn und Lebendigkeit eingebüßt und geben ungemein genau Einblick in die Lebens- und Gedankenwelt der mittelalterlichen aschkenasischen Judenheit. In der Sammelhandschrift „Erfurt 13" enthalten sind der Kommentar Raschis zur Tora, zum Propheten Jesaja und dem Buch Ester.

Ein aufgeschlagene Doppelseite einer hebräischen Handschrift

Sammelhandschrift, Erfurt 15 (SBB-PK, Orientabt., Ms. or. quart. 685)

Die Sammelhandschrift „Erfurt 15" bündelt Gutachten und Korrespondenzen zu vorwiegend religionsgesetzlichen Fragen sowie Übersetzungen von jeweils relevanten Texten berühmter Gelehrter und deren Schüler. Interessant sind auch die 67 äsopischen Fabeln, die in die „Erfurter Sammlung" quasi herein gerutscht sind.

Doppelseite einer hebräischen Handschrift

Torarolle, Erfurt 6 (SBB-PK, Orientabt., Ms. or. fol.1215)

Zu den „Erfurter Riesen“ zählt zweifellos die Torarolle „Erfurt 6“, die aus 68 Pergament-Blättern besteht und mit einer Höhe von 78 cm ungewöhnlich groß ist. Sie wird auf das Ende des 13. Jahrhunderts datiert und zählt damit zu den ältesten erhaltenen ihrer Art in Aschkenas, dem mittel- und osteuropäischen jüdischen Kulturraum – hinsichtlich ihrer Maße ist sie ein Unikum.

Torarolle 02

Torarolle, Erfurt 7 (SBB-PK, Orientabt., Ms. or. fol.1216)

Die Torarolle „Erfurt 7“ nimmt unter den vier Erfurter Torarollen eine Ausnahmestellung ein: Ihre Schrift und die Darstellung der Lieder verweisen auf eine orientalische Herkunft. Welche Wege sie in den Besitz der Erfurter jüdischen Gemeinde brachten, ist nicht bekannt.

Doppelseite einer hebräischen Handschrift

Torarolle, Erfurt 8 (SBB-PK, Orientabt., Ms. or. fol.1217)

Die Torarolle „Erfurt 8“ besteht in ihrem heutigen fragmentarischen Zustand aus 40 Pergamentbögen, die deutliche Brandspuren aufweisen. Wahrscheinlich ist diese Tora aus einem Feuer gerettet worden – vielleicht während des schrecklichen Pestpogroms im Jahre 1349, bei dem die jüdische Gemeinde Erfurts vollständig ausgelöscht wurde.

Doppelseite einer hebräischen Handschrift

Torarolle, Erfurt 9 (SBB-PK, Orientabt., Ms. or. fol.1218)

Normalerweise würde auch die „Erfurt 9“ – wie alle anderen Torarollen – die fünf Bücher Moses beinhalten, doch diese Handschrift beginnt mit dem dritten Buch des Pentateuchs: Leviticus 11:26. In der „Erfurt 9“ fehlt auch der Text von Numeri 26:11-Deuteronomium 2:13. Die drei Blätter, die diese Textpassage umfassten, sind vermutlich bei ihrer Odyssee durch die Bibliotheken verlorengegangen.

Ein aufgeschlagene Doppelseite einer hebräischen Handschrift

Tosefta, Erfurt 12 (SBB-PK, Orientabt., Ms. or. fol. 1220)

Die Tosefta besteht, wie die Mischna des babylonischen Talmuds, nicht aus Paragraphen, sondern aus der Wiedergabe von (fiktiven) Diskussionen zwischen Rabbinern, die verschiedene Meinungen zur Auslegung von Gesetzen und Bibelstellen abwägen. Die Tosefta wurde selten eigenständig kopiert, so dass die Erfurter Tosefta eine von weltweit drei bekannten Handschriften dieser Art ist. Unter diesen ist sie die älteste.

Danksagung

Unser Dank gilt auch den Mitarbeitern der Orientabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, die das Projekt unterstützt haben. Die Staatsbibliothek ermöglichte als Eigentümerin der Handschriften die Digitalisierung der Handschriften und stellt freundlicherweise die Nutzung der Digitalisate zur Verfügung. Außerdem betreut sie die Handschriften wissenschaftlich und konservatorisch auf höchstem Niveau.

Copyright

Diese „virtuelle Bibliothek“ der mittelalterlichen Handschriften der „Erfurter Sammlung“ ist in Kooperation mit der Judaistin Dr. Annett Martini entstanden. Sie hat in Zusammenarbeit mit Studierenden der Freien Universität Berlin die Handschriften erstmals in diesem Umfang beschrieben und für den Laien verständlich präsentiert. Alle Rechte an den nachfolgenden Texten liegen bei Dr. Annett Martini.