Sag mal – Fragen und Antworten aus der Kleinen Synagoge

Fragewand in der Kleinen Synagoge

Illustrationen und ein freies Feld für Fragen
Grafik: Fragewand „Sag mal …“ Grafik: © Stadtverwaltung Erfurt

In der Ausstellung der Begegnungsstätte Kleine Synagoge gibt es eine Fragewand. Sie heißt „Sag mal …“ Dort finden Besucher typische Fragen, die uns oft im Rahmen von Führungen gestellt werden: Wie viele Juden leben in Erfurt? Gibt es in Erfurter noch eine Synagoge? Eine funktionierende, aktiv genutzte Mikwe? Was bedeutet koscher? Die Antwort auf diese und weitere Fragen erfährt der Besucher, wenn er das Schild mit der jeweiligen Frage aufklappt.

Die Fragewand bietet aber auch die Gelegenheit, weitere Fragen zu stellen. Mit Hilfe von Klebezetteln und Stiften können diese auf der Fragewand hinterlassen werden. Das Team der Begegnungsstätte Kleine Synagoge sammelt die Fragen, beantwortet die eine oder andere selbst oder bittet Experten rund um die jüdische Religion, Geschichte und Kultur, die Fragen zu beantworten.

Frage und Antwort werden dann hier auf der Webseite veröffentlicht.

Wer die Kleine Synagoge nicht besuchen kann oder mag, schickt seine Frage einfach per E-Mail an:

Fragen und Antworten von der Fragewand

Unter welchen Umständen wurden die Torarollen der Erfurter Gemeinde in der „Reichspogromnacht“ gerettet?

Eine Antwort auf Ihre Frage fand ich bei Martin Fischer im Jahrbuch für Mitteldeutsche Kirchen- und Ordensgeschichte, Band 12 /2016, Cordier, Heiligenstadt.

Der Autor berichtet von der Übernahme der Torarollen kurz vor der Pogromnacht, 9. Nov. 1938 (Reichskristallnacht).

Die Ehefrau des damaligen Rabbiners brachte sie zum Dompropst Freusberg, der die Rollen „unter Lebensgefahr aller Beteiligten im Dom vor den Nazis verbarg und nach deren Zerschlagung wieder der Synagoge übergab.“ Thüringer Tageblatt, 1982

Unbekannt sind jedoch die „näheren Umstände, ... wo(genau) die Schriftstücke versteckt wurden und wie lange sie aufbewahrt wurden – all das bleibt wahrscheinlich ein Geheimnis der Geschichte.“ G. Särchen, 1987

Der erste Vorsitzende der jüdischen Gemeinde nach dem Krieg, Max Cars, wandte sich dankbar an Freusberg: „Sehr geehrter Herr Doktor! Sie waren so gütig, Kultusgegenstände der Synagogen-Gemeinde in Verwahrung zu nehmen. Im Namen unserer Gemeinde sage ich Ihnen herzlichen Dank. Mit vorzüglicher Hochachtung, gez. Cars.“

Matthias Schmitt, Domküster

Wie viele Juden gibt es in Thüringen?

Laut unserer Mitgliederliste haben wir 699 Mitglieder in Thüringen. Es können aber noch einige mehr sein, die sich bei uns nicht als Mitglieder registrieren ließen. Da kann ich keine Zahl sagen.

Ursula Ulbricht, Mitarbeiterin der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen

Wozu dient die Haman-Rassel?

Der Gebrauch der Haman-Rassel steht  in Zusammenhang mit dem jüdischen Fest Purim. Haman, ein Minister des Perserkönigs Xerxes I., plante, alle Juden im persischen Reich an einem per Los bestimmten Tag ermorden zu lassen. Die mit dem König verheiratete Jüdin Esther konnte dies durch geschickte Diplomatie verhindern. An diese glückliche Errettung des jüdischen Volkes im persischen Exil erinnert man sich zum Fest der Lose, Purim (Pur = Los). Purim ist ein fröhliches Fest, das mit seinen Verkleidungen an den etwa zeitgleich stattfindenden Fasching erinnert. Es wird ausgelassen gefeiert, reichlich gegessen und getrunken. In der Synagoge wird das Buch Esther gelesen. Die Erwähnung des Namens Haman wird jedes Mal durch großen Lärm unter anderem mit Ratschen oder Rasseln übertönt, um so das Andenken an ihn auszulöschen. Daher stammt die Bezeichnung Haman-Rassel.

Dr. Tina Bode, Kuratorin und Koordinatorin im Netzwerk "Jüdisches Leben Erfurt"

Wozu dient die Challa-Decke und das Challa-Messer?

Challot (Plural von Challa) sind in der aschkenasischen jüdischen Tradition geflochtene Brote aus Weißmehl. Sie werden meist für Schabbat und jüdische Feiertage gebacken. Auf dem Schabbattisch liegen sie unter einer Decke, der Challa-Decke.

Für diese Tradition gibt es verschiedene Begründungen: So soll beispielsweise die Decke die Tauschicht, die das Manna bedeckte, symbolisieren. Als Manna oder auch Himmelsbrot wird in der Bibel die Speise bezeichnet, die den Israeliten auf ihrer 40-jährigen Wanderschaft durch die Wüste als Nahrung diente und wundersamer Weise jeden Morgen auf dem Boden lag (Brotwunder). Am Freitag fand man die doppelte Portion. Moses erklärte, die zusätzliche Portion sei für den Schabbat bestimmt. Daher finden sich auf dem Schabbattisch immer zwei Brote.

Eine andere Erklärung für die Decke ist, dass nach jüdischer Tradition beim Beginn eines Mahles zuerst der Segen über das Brot gesprochen werden muss. Der Schabbat als wichtigster Tag der Woche beginnt aber stets mit einem Weinsagen. Das Brot liegt daher unter einer Decke, als würde man es nicht sehen.

Das Challa-Messer ist ein Brotmesser, das zum Schneider der Challot bestimmt ist.

Dr. Tina Bode, Kuratorin und Koordinatorin im Netzwerk "Jüdisches Leben Erfurt"

Es sind viele Flüchtlinge aus Syrien und anderen arabischen Staaten nach Deutschland gekommen. Auch in Erfurt leben viele davon. Wäre es evt. eine gute Idee, neben Veranstaltungen zur deutsch-jüdischen Verständigung auch solche zur jüdisch-arabischen Verständigung abzuhalten? Es könnte so ein Zeichen für die Aussöhnung gesetzt werden und noch dazu von Deutschland in die Welt.

Ziel der Begegnungsstätte Kleine Synagoge ist es, Berührungsängste zwischen Juden und Nichtjuden abzubauen, indem Wissen über jüdische Geschichte und Religion vermittelt und die Begegnung zwischen den Religionsgruppen gefördert wird. So leistet die Begegnungsstätte einen Beitrag zum toleranten Umgang miteinander. Aufgrund der Zunahme von Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus wenden wir uns auch verstärkt interreligiösen Themen zu und stellen Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Religionen vor.  

Seit Sommer 2016 bieten wir beispielsweise im nahegelegenen Museum Alte Synagoge die Führung "Salam – Schalom. Islam und Judentum" an. Hier führen eine Museumsmitarbeiterin und eine gläubige Muslima gemeinsam durch die Synagoge. Ziel dieser Tandemführung ist es, Grundlagenwissen zum Judentum und zum Islam zu vermitteln und gleichzeitig aufzuzeigen, dass sich die Glaubenspraxis in den beiden Religionen, sowie auch im Christentum, nicht stark unterscheidet. Zudem ist es uns wichtig, auf die vielfältigen Strömungen in den jeweiligen Religionen hinzuweisen.

Im Oktober 2018 werden wir in der Kleinen Synagoge die Ausstellung „Einheit in der Vielfalt“ eröffnen. Diese zeigt Fotografien von Ahmed Krausen von Moscheen aus ganz Europa. Dazu werden wir in einem vielfältigen Begleitprogramm die Religion und die Auseinandersetzung mit dem Islam thematisieren  und unterschiedliche religiöse Gruppen in der Stadt miteinander zu Themen des alltäglichen Lebens zwischen Integration und Ausgrenzung oder den interreligiösen Dialog in Thüringen ins Gespräch bringen.

Mehr zu Ausstellung finden Sie:

http://juedisches-leben.erfurt.de/jl/de/service/aktuelles/ausstellungen/2018/129329.html

Dr. Tina Bode, Kuratorin und Koordinatorin im Netzwerk "Jüdisches Leben Erfurt"

Wie lang sind die Erfurter Torarollen?

Hier die ungefähren Längenangaben:

1215: 59 cm x 86 Blatt = ca. 50 Meter
1216: 55 cm x 50 Blatt = ca. 27 Meter
1217: 64 cm x 49 Blatt = ca. 31 Meter
1218: 56 cm x 40 Blatt = ca. 22,5 Meter

Je plus/ minus einen halben Meter, da nicht anzunehmen ist, dass alle Pergamentseiten genau gleich lang sind. Bei einigen Rollen fehlen auch Passagen, deswegen die Unterschiede in den Längen und der Blattanzahl.

Dr. Annett Martini, Freie Universität Berlin

Muss man als Jude Angst vor Antisemitismus haben? Und wie geht man damit um, wenn die eigene Religion so kritisiert wird?

Die Ängste eines Juden richten sich nicht nach der Antisemitismus-Definition, die Deutschland nutzt, um nicht gegen jede Form von Judenhass vorzugehen. Das Verbrennen des David-Sterns auf Berliner Straßen – des Symbols des Judentums – rüttelt Staat und Gesellschaft nicht wach. Aber jüdische Ängste wachsen. In Thüringen erhalten wir Drohbriefe. Der Brandanschlag auf unsere Synagoge ist noch nicht vergessen. Einer Jüdin wird in Erfurt im Integrationskurs empfohlen, ihre Herkunft zu verleugnen. Unser Rabbiner wird auf offener Straße brutal beschimpft. Die gezielten Morde an Juden in Toulouse, Paris, Brüssel und Kopenhagen rücken näher an Deutschlands Grenzen. Das Spektrum des Judenhasses reicht wieder von Vorurteilen bis zum Mord. Ab welchem Zeitpunkt Juden Angst haben, ist unterschiedlich. Die Angst wächst unabhängig vom Grad der Religiosität der Juden, denn der Hass richtet sich sowohl gegen die jüdische Herkunft als auch gegen die jüdische Religion. Die Kritik an der jüdischen Religion hat mit Luther nicht aufgehört. Sich als Jude zu verstecken, ist die falsche Reaktion. Was Juden – stets weniger als 1% der deutschen Bevölkerung – in Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft geleistet haben, erfüllt uns mit Stolz. Aber unsere Tragödien verstärken unsere Ängste vor neuem Unheil.

Prof. Dr. Reinhard Schramm, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen

Wie viel Wasser passte in die Erfurter Mikwe?

Es ist nicht möglich genau zu sagen, wie viele Liter Wasser in die Erfurter Mikwe passten. Aber es gibt verschiedene jüdische Vorschriften, die besagen, welche Menge lebendiges Wasser erforderlich ist. Im Tanach, der jüdischen Bibel, steht, dass so viel Wasser nötig ist, um als durchschnittlich großer Mensch im Wasser der Mikwe vollständig untertauchen zu können. Darüber hinaus gibt es noch weitere religiöse Angaben, doch wichtig ist in erster Linie, dass die Erfurter Rabbiner die Wassermenge der Mikwe für ausreichend hielten.

Susanna Kunze, Studentin der Universität Erfurt und Praktikantin im Netzwerk „Jüdisches Leben Erfurt“

Ich würde gerne den genauen Grund wissen, warum Juden so diskriminiert und verfolgt werden.

Der „genaue Grund“, warum Juden diskriminiert und verfolgt werden, ist schwer zu bestimmen. Es liegt immer an der Mehrheit, wenn Minderheiten ausgegrenzt werden und Eigenschaften der Minderheit wie ihre Religion eignen sich gut zur Diskriminierung.

Mit dem christlichen Antijudaismus begann in der Spätantike die Judenfeindschaft: Weil sie an ihrem Glauben festhielten, wurden sie nicht nur religiös sondern auch gesellschaftlich stigmatisiert. Viele Berufe waren ihnen verwehrt, weil sie vom Handel, auch vom Geldverleih gegen Zins lebten, entstand das Feindbild vom arbeitsunwilligen Juden. Dass die Christen den Juden Ackerbau und Handwerk verboten hatten spielte für sie keine Rolle. Für Katastrophen (Pestepidemie) brauchte es Erklärungen und Sündenböcke.

Damit war die Tradition der Judenfeindschaft religiös begründet und verankert, die im 19. Jahrhundert mit dem „modernen Antisemitismus“ mit neuen Argumenten (Rasse) scheinbar wissenschaftlich untermauert wurde. Zu den alten Feindbildern kamen neue, die alle nur den Zweck hatten, zu beweisen, dass „die Juden“ schlecht seien.

Diese Feindbilder wurden vom Nationalsozialismus nach dem Ersten Weltkrieg propagiert und im „Dritten Reich“ mit der Folge des Holocaust zur letzten Konsequenz praktiziert. Eine rationale Erklärung für den Judenhass gibt es ebenso wenig wie für den Judenmord.

Prof. Dr. Wolfgang Benz, Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung a. D.

Gibt es heute auch einen Rabbi in Erfurt?

Ich freue mich, als Rabbiner seit Oktober 2015 in Erfurt zu sein und die Jüdische Landesgemeinde Thüringen zu betreuen.

Rabbiner Benjamin Kochan, Jüdische Landesgemeinde Thüringen

Warum heißt die Tora Tora?

Dr. Diana Matut, Judaistin an der Universität Halle, erklärt in diesem kurzen Video, warum die Tora Tora heißt. Im Hintergrund sehen Sie den Toraschrank in der Begegnungsstätte Kleine Synagoge Erfurt.

Wieso gab es Synagogen?

Synagoge ist ein griechisches Wort und heißt Versammlungsort. Das sagt bereits sehr viel über die Nutzung jüdischer Gotteshäuser aus: Hier feiern die Mitglieder einer Gemeinde ihre Gottesdienste, hier wird gelernt, diskutiert und gefeiert.  Die Synagoge ist also ein wichtiger Ort für den Austausch und das gemeinsame Beten.

Synagogen gibt es übrigens auch heute noch. In Erfurt z. B. sind es zwei ehemalige, die als Museum und Begegnungsstätte genutzt werden, und eine aktive. Sie steht am Max-Cars-Platz 1.

Ines Beese, Netzwerk „Jüdisches Leben Erfurt“

Ist man ganzer Jude wenn man konvertiert?

Grundsätzlich gilt: Jude oder Jüdin ist, wer von einer jüdischen Mutter abstammt oder nach halachischen Regeln zum Judentum übergetreten ist. In Deutschland ist so ein Übertritt beispielsweise vor dem Rabbinatsgericht [Bet Din] der Allgemeinen Rabbinerkonferenz möglich. Er wird auch vom Staat Israel anerkannt. Übrigens: Es gibt nur Juden oder Nicht-Juden, aber keine ganzen, halben oder Viertel-Juden; solche Begriffe erinnern an den Jargon der Nazi-Zeit.

Rabbiner Prof. Dr. Walter Homolka, Abraham Geiger Kolleg der Universität Potsdam

Kann jeder Mensch Jude werden?

Im Judentum gilt: Jedes Kind, dass von einer jüdischen Mutter geboren wurde, ist Jude (oder Jüdin). Heute gibt es allerdings auch liberale Juden, die sagen: Jedes Kind, das einen jüdischen Elternteil hat, ist Jude.

Aber auch wer keine jüdische Mutter hat, kann Jude werden: Indem er oder sie vor einem rabbinischen Gericht zum Judentum konvertiert – das nennt man auf Hebräisch Gijur. Das Judentum lehnt eine aktive Mission ab, doch im Lauf der Zeit sind immer wieder Menschen zum Judentum übergetreten.

Es gibt eine Tradition, wonach man eine Person, die konvertieren will, erst dreimal wegschicken soll, um zu testen, ob es ihr auch wirklich ernst ist. Auf jeden Fall muss sie oder er zunächst viel lernen. Die verschiedenen religiösen Richtungen im Judentum (orthodox, konservativ, liberal) stellen dabei unterschiedlich hohe Anforderungen.

Schließlich ist es soweit: Sowohl Männer als auch Frauen tauchen in der Mikwe, dem Ritualbad, unter. Männer müssen sich vorher auch noch beschneiden lassen. In einer Zeremonie in der Synagoge erfolgt dann offiziell die Aufnahme in das Judentum. Jede/r Konvertit/in erhält nun einen jüdischen Namen. Männer wählen häufig den Namen Abraham, Frauen nennen sich gern Sara oder Ruth. Die Moabiterin Ruth, die Urgroßmutter von König David, ist wohl die berühmteste „Konvertitin“ – ihre Geschichte kann man im biblischen Buch Ruth nachlesen.

Ursula Reuter, Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte, Essen

Was ist ein Schofar?

Was ein Schofar ist, erfahren Sie in diesem kurzen Video, das in der Begegnungsstätte Kleine Synagoge Erfurt aufgenommen wurde. Erklärt wird das Musikinstrument durch Dr. Diana Matut, Judaistin an der Universität Halle.

Glauben Juden an Jesus?

Juden glauben nicht an Jesus Christus als den Erlöser oder den Messias, mit Ausnahme einer kleinen Gruppe von sogenannten „messianischen Juden". Im Judentum gibt es viele verschiedene Strömungen, die sich in ihren Sichtweisen unterschieden. So sehen manche Jesus als abtrünnigen Juden, andere als bedeutenden aber missverstandenen Rabbi, andere als Weisen oder Propheten. Wichtig ist zu wissen, dass der historische Jesus selbst Jude war. Das Neue Testament berichtet, dass er von einer jüdischen Mutter abstammte, beschnitten war, die heiligen Schriften lesen konnte und mit seiner Familie zum Tempel in Jerusalem pilgerte. Deshalb, und auch wegen der schlimmen Dinge, die man Juden in Jesu' Namen angetan hat, sollte man nie einen Gegensatz zwischen Juden und Christen aufbauen, sondern zuerst nach dem Gemeinsamen suchen.

Dr. Claudia Bergmann, Max-Weber-Kolleg, Universität Erfurt

Wann wurde die Kleine Synagoge als Gebetsraum genutzt und warum hat man sie in der Reichspogromnacht nicht zerstört?

Die Kleine Synagoge, die damals noch nicht so bezeichnet wurde, hatte als Betraum ausgedient, als die Große Synagoge in Betrieb genommen wurde. Seitdem war es ein Gebäude wie jedes andere, auch nicht mehr „jüdischer Besitz“. Mit dem Umbau zum Wohnhaus war der frühere Betraum ohnehin verschwunden, eine Zwischendecke eingezogen. Eine Geschichte, vergleichbar mit der der Alten Synagoge.

Mehr dazu: Geschichte der Kleinen Synagoge

http://juedisches-leben.erfurt.de/jl/de/19jh/kleine_synagoge/geschichte/index.html

Dr. Jutta Hoschek, Erfurter GeDenken 1933 – 1945.

Gab es Nazis, die Juden waren?

Es gab Männer und Frauen jüdischen Glaubens oder mit jüdischen Vorfahren, die mit den politischen Zielen der Nationalsozialisten sympathisierten. Nach dem 1. Weltkrieg waren viele Juden stolz darauf, als Soldaten ihr „Vaterland“ verteidigt zu haben, nicht wenige vertraten nationalkonservative Standpunkte und lehnten die Weimarer Republik ab. Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme verbanden sie die Hoffnung auf eine neue, autoritär gestaltete Ordnung. Die antisemitischen Drohungen seitens der Nationalsozialisten nahmen sie entweder nicht ernst, oder sie bezogen sie nicht auf sich selbst, weil sie sich nicht als „Juden“ empfanden. Denn entweder waren sie mittlerweile zum Christentum konvertiert oder sie praktizierten ihren jüdischen Glauben nicht oder sie waren Atheisten. Doch für Antisemiten hängt die Zugehörigkeit zum „Judentum“ nicht von deren aktuellem Glauben ab, sondern von ihrer Zugehörigkeit zur „jüdischen Rasse“, die durch ihre „jüdischen Vorfahren“ bestimmt werde.

Hier einige Beispiele: Luise Solmnitz aus Hamburg begrüßte im Januar 1933 die neue Regierung, von der sie Frieden und Ordnung erwartete. Ihr Mann, ein Weltkriegsoffizier und Monarchist, entstammte einer jüdischen Familie, war aber zum Christentum konvertiert. Als ihrer Tochter Gisela die Aufnahme in den nationalsozialistischen „Bund deutscher Mädel“ verweigert wurde, reagierten sie und ihr Mann schockiert, weil sie sich nicht als Juden sahen. Ebenso stand der Historiker Hans Rothfels den politischen Ideen der Nationalsozialisten nahe und er dachte, sich mit ihnen arrangieren zu können. Als aber die antisemitischen Verfolgungen immer bedrohlicher wurden, floh Rothfels mit seiner Familie 1939 nach England.

Doch es gab auch Ausnahmen von der rassistischen Ausgrenzung. Zahlreiche Juden kämpften als Soldaten in der Wehrmacht, sie waren also von den Rassegesetzen ausgenommen. Von Hermann Göring ist der Satz überliefert, „Wer Jude ist, bestimme ich“. Jene Personen, die den nationalsozialistischen Herrschern besonders nützlich erschienen, wie der Soldat und „Viertel-Jude“ Fritz Bender, konnten sie sogar zu „Ehren-Ariern“ ernennen.

Dr. Reiner Praß, Historiker, Erfurt

Gibt es in Deutschland Toraschreiber?

Ja. Es gibt wieder Schreiber in Deutschland. Ich habe in Berlin zwei davon kennengelernt.

Dr. Annett Martini, Freie Universität Berlin

Ist neben Schabbat auch der Sonntag ein Ruhetag?

In Israel ist der Sonntag ein normaler Arbeitstag, und da dort nur der Sabbat einen Namen hat, eben Shabbat, sind die Arbeitstage nummeriert und somit ist der Sonntag der Tag 1, Dienstag Tag 2 usw.

Wolfgang M. Nossen, Ehrenvorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen

Welche Bedeutung haben die Granatäpfel?

In der Dauerausstellung im Keller der Kleinen Synagoge sieht man zwei Spendenbüchsen, die geformt sind wie Granatäpfel. Dies war Anlass für die Frage eines Besuchers, welche Bedeutung Granatäpfel im Judentum haben. Die Antwort gibt Dr. Diana Matut, Judaistin an der Universität Halle, in diesem kurzen Video. 

Wie machten sich früher, als es noch keine Lockenstäbe gab, die orthodoxen Juden mit glatten Haaren die Pajes?

Es gibt bis heute sehr verschiedene Arten, die Schläfenlocken (Hebräisch pe'ot, Jiddisch pejes) zu tragen. Am meisten fallen sicher die lockigen Varianten auf, besonders, wenn Sie vor den Ohren hängen und manchmal bis über die Schultern fallen.

Wenn Man(n) Locken möchte, gibt es bis heute verschiedene Möglichkeiten, dies zu erreichen, auch ohne Lockenstab und Dauerwelle: Einige drehen die Haarsträhnen beständig über die Finger oder einen Gegenstand (z. B. einen Bleistift). Andere drehen sie im nassen Zustand ein und warten, bis sie trocken werden.

Jedoch sind die lockigen/gedrehten langen Pejes nur eine unter sehr vielen Varianten. Man(n) kann die Pejes auch einfach gerade herunterhängend tragen oder sie hinter dem Ohr einklemmen. Es ist auch möglich, sie insgesamt viel kürzer zu lassen, sodass sie manchmal vom eigentlichen Haar kaum zu unterscheiden sind. Genauso hat man es auch schon in Zeiten vor der Erfindung des Lockenstabes gehalten.

Pejes sind erst relativ spät in der jüdischen Geschichte so prominent geworden – im Mittelalter hat man sie vermutlich nicht so betont. Sie waren und sind ein Zeichen besonderer Frömmigkeit. Schon im Mittelalter gab es Streit darum, ob man Pejes deutlich zeigen sollte oder nicht, bzw. wie lang das eigentliche Kopfhaar getragen wird – je nachdem sieht man dann auch die Pejes besser oder schlechter.

Dr. Diana Matut, Universität Halle

Warum gab es Mikwen oder wozu?

Erst einmal: Mikwe gibt es noch immer. Und damit meine ich nicht die Mikwen, die sich aus der Geschichte erhalten haben und wie die Erfurter Mikwe museal präsentiert werden, sondern Mikwen, die heute von Jüdinnen und Juden genutzt werden.

Eine Mikwe ist wichtig, um rituelle Reinheit zu erlangen, dann, wenn man mit Dingen in Kontakt war, die als religiös unrein gelten, so wie etwa der Kontakt mit Blut oder Toten. Um sich rituell zu reinigen, taucht Mann oder Frau dreimal vollständig in lebendigem, also fließendem Wasser unter.

Mehr dazu unter Fragen und Antworten zur Mikwe.

Julia Roos, Museumspädagogin im Netzwerk „Jüdisches Leben Erfurt“

Wieso hat man in Erfurt in der Neuen Synagoge keine Mikwe gebaut? Ist doch ätzend, dauernd nach Frankfurt oder Berlin zu müssen! Oder gibt es spezielle Mikwe-Sitten, die dies verbieten?

Es gibt keine Vorschriften wo  man eine Mikwe bauen kann  und wo nicht. Eine Mikwe ist ein sehr wichtiger Bestandteil einer jüdische Gemeinde und daher wird sie überall gebaut wo eine jüdische Gemeinde existiert.

Da die Bau einer Mikwe  mit großen finanziellen Aufwänden verbunden ist, benutzt man oft die Mike von einer  anderen  nähergelegene Gemeinde, was in unserem Fall Leipzig ist. Jedoch hoffe ich auf einen steigenden Bedarf an Mikwe in unserer Gemeinde, was zum Bau unserer eigenen Mikwe in Erfurt führen wird.

Rabbiner Benjamin Kochan, Jüdische Landesgemeinde Thüringen

Wo wohnt der Rabbi?

Der Rabbiner der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen wohnt mit seiner Familie in einer Mietwohnung in der Brühlervorstadt.

Ines Beese, Koordinatorin des Netzwerks „Jüdisches Leben Erfurt“

Darf man sich in der Synagoge küssen?

Natürlich darf man sich in der Synagoge küssen, aber nur ganz kurz, wenn gerade kein Gottesdienst stattfindet und vor allem nicht leidenschaftlich.

Küssen hat in der Synagoge sogar eine besondere Bedeutung: Die Tora ist das Heiligste in der Synagoge. Man sagt, sie sei eine Königin und daher hat eine Torarolle oft einen hochwertigen Toramantel (Me´il), der sie schützt und schmückt. Während des Gottesdienstes wird die Tora mit ihrem schönen Mantel aus dem Toraschrein gehoben und unter Gesang zum Lesepult getragen. Währenddessen küssen die andächtigen Gemeindemitglieder die Tora als ein Zeichen von Ehre und Respekt.

Aber auch etwas anderes küsst man in der Synagoge: die Mesusa. Eine Mesusa ist eine kleine Schriftkapsel, die sich am Türpfosten eines jeden jüdischen Hauses, ob Wohnung, Synagoge oder Mikwe befindet. Verlassen Juden ihre Wohnung oder eben die Synagoge, berühren sie die Mesusa mit ihren Fingern und küssen sie. Dabei sprechen sie die Worte: „Gott schütze mich bei meinem Fortgehen und bei meinem Ankommen, jetzt und in Ewigkeit“.

Küssen ist in der Synagoge also erlaubt.

Manja Berte, Universität Chemnitz

Wie hält die Kippa auf dem Kopf?

Die Frage, wie die Kippa auf dem Kopf hält, ist ziemlich einfach zu beantworten. Etwas größere Exemplare halten eigentlich von selbst, aber damit sie bei Kopfbewegungen nicht runterfallen klemmt man sie gern fest. Kleinere Kippot (Plural von Kippa) hingegen sollte man auf jeden Fall befestigen. Man macht das mit Haarspangen, entweder mit schmalen, dezenten Haarnadeln oder auch mit breiten Spangen.

Lutz Balzer, Erfurt

Darf man Juden beschimpfen?

Generell sollte man überhaupt niemanden beschimpfen. Aber selbstverständlich muss man widersprechen, wenn ein Mensch etwas Böses, Gemeines oder Verbrecherisches tut, anderen Menschen weh tut oder diese beleidigt. Dann ist es auch egal, welche Religionszugehörigkeit dieser Mensch hat, ob er Jude ist, Christ, Muslim, Buddhist oder Atheist.

Jedoch darf man niemanden beschimpfen, nur weil er Jude ist, oder Muslim, Brillenträger, Baggerfahrer oder Katzenliebhaber. Denn dann urteilt man pauschal über eine Gruppe – was man als Diskriminierung, oder im Falle einer Ausgrenzung von Juden als Antijudaismus oder Antisemitismus bezeichnen kann.

Man sollte also immer über das urteilen, was ein Mensch tut, nicht über das, was der Mensch ist.

Julia Roos, Museumspädagogin im Netzwerk „Jüdisches Leben Erfurt“

Warum müssen Frauen nicht ständig an Gott erinnert werden, Männer aber schon über das Tragen der Kippa?

Zuerst einmal liegt hier ein kleiner Irrtum vor. Grundsätzlich ist es nicht die Kippa, die „an Gott erinnert“. Traditionell sind die vier weißen Schaufäden/Knoten, welche am Gebetsschal (Tallit) angebracht sind dafür gedacht, den gläubigen Juden an die Gebote Gottes und die damit einhergehenden Pflichten zu erinnern. Stirbt ein frommer Mann, so wird er vor seinem Begräbnis in seinen Gebetsschal eingehüllt – vorher aber werden dessen Schaufäden/Knoten (Zizit) abgeschnitten. Dies ist ein Symbol dafür, dass im Tod alle Obligationen erlöschen.

Frauen sind grundsätzlich nicht an alle Ge- und Verbote gebunden. Sie sind z. B. von allen Verpflichtungen befreit, die zeitgebunden sind. Dazu gehört z. B. das dreimalige Beten am Tag und der Besuch des Gottesdienstes.

Dr. Diana Matut, Universität Halle

Warum schreibt man G"tt im Judentum nicht aus?

Diese Schreibweise ist einerseits ein Zeichen von Respekt, andererseits soll so sicher gestellt werden, dass der Name G"ttes nicht beschmutzt werden kann.

Begegnungsstätte Kleine Synagoge

Warum schreibt man G"tt und lässt den Vokal weg?

Das Hebräische ist eine Konsonantenschrift, d. h., es wurde ursprünglich und auch heute wieder ohne Vokale geschrieben. Wenn man also im deutschen Wort „Gott“ den Vokal o weglässt (G''tt), dann stellt man einen Bezug zum Hebräischen her.

Dr. Diana Matut, Universität Halle

Wo leben die meisten Juden und warum?

Heute gibt es etwa 14,2 Millionen Juden weltweit. Zum Vergleich: Das sind gut 3 Millionen weniger als die Einwohner Nordrhein-Westfalens.

Die meisten Juden leben in Israel. Bereits vor der Staatengründung Israels im Jahr 1948 waren viele Juden in diese Region ausgewandert, um dem europäischen Antisemitismus, später vor allem um dem Holocaust zu entkommen. Heute leben in Israel ungefähr 6 Millionen Juden, daneben ungefähr 1,5 Millionen Muslime und 300.000 Christen.

Fast genauso viele Juden wie in Israel leben in den USA. 90 % von ihnen haben europäische Vorfahren! Vor allem im 19. Jahrhundert wanderten viele Juden nach Amerika aus, da sie dort, anders als in Europa, die gleichen Rechte hatten wie Nicht-Juden.

In Deutschland leben heute ungefähr 120.000 Juden. Das ist sehr wenig im Vergleich zu den über 80 Millionen Einwohnern der Bundesrepublik, aber schon viel mehr, als es nach dem Zweiten Weltkrieg waren (in den 1950er Jahren lebten nur etwa 15.000 Juden in der BRD). Eine bedeutende Einwanderung von Juden nach Deutschland fand nach der Wiedervereinigung statt, als Deutschland Juden aus der ehemaligen Sowjetunion eine vereinfachte Einwanderung erlaubte. Diese sogenannten Kontingentflüchtlinge führten zu einem Wiederaufleben in den jüdischer Gemeinden Deutschlands.

Franziska Schmidtke, Vorsitzende der AG Erfurt der Deutsch-Israelischen Gesellschaft

Was ist Chanukka?

Chanukka bedeutet wörtlich „Einweihung“, und wird als Andenken an die Wiederherstellung des auf Befehl des Königs Antiochus Epiphanes unterbrochenen Tempeldienstes in Jerusalem am 25. Kislew in 164/5 v. d. Z. gefeiert. Bei der Neuweihe des Tempels wurde nur noch ein Krüglein nicht entweihten Öls gefunden, das aber acht Tage brannte, bis neues Öl hergestellt worden war. Deswegen wird Chanukka auch „Lichterfest“ genannt und acht Tage lang gefeiert: Acht Tage lang entzündet man täglich ein Licht mehr auf dem Chanukka-Leuchter. Dieser hat aber meistens neun Arme, da zusätzlich eine Diener-Kerze brennt, mit der traditionell die anderen Kerzen entzündet werden.

In Erfurt wird schon seit Jahren ein großer Chanukka-Leuchter vor dem Erfurter Rathaus aufgestellt. Am Vorabend des 25. Tags des Kislew, also immer irgendwann im November oder Dezember, wird das Entzünden der ersten Kerze mit Musik, Glühwein und Krapfen gefeiert.

Ansonsten ist Chanukka eher ein häusliches und familiäres Fest. Die Kinder bekommen Geschenke und es gibt typische Ölspeisen wie Krapfen zu essen. Während des Lichterbrennens ist die Arbeit verboten. Dies hat wohl dazu geführt, unterdessen zu spielen und Kurzweil zu treiben. Bei dem traditionsreichen Spiel zu diesem Fest wird ein „Dreidel“ verwendet. Dies ist ein Kreisel mit vier Seiten und vier hebräischen Buchstaben, der von jüdischen Kindern während der acht Tage gedreht wird.

Julia Roos, Museumspädagogin im Netzwerk „Jüdisches Leben Erfurt“

Warum hat die Menora genau sieben Kerzen?

"Menora" bedeutet Leuchter. Im Judentum glaubt man, dass Gott den Juden eine genaue Anleitung zum Bau der Menora gegeben hat. Die sieben Arme stehen für die sechs Tage der Schöpfung und den "Schabbat" als Ruhetag.

Victoria Anschütz, Studentin der Uni Erfurt und Praktikantin im Netzwerk „Jüdisches Leben Erfurt“

Wozu wird der Torazeiger „Jad“ verwendet?

Der Torazeiger wird auch „Jad“ genannt, was hebräisch ist und soviel wie "Hand" bedeutet.

Er hat zwei Verwendungen. Zum einen vermeidet er, dass die Tora mit den Händen berührt, verschmutzt oder beschädigt wird. Die Tora, die Heilige Schrift im Judentum, ist so heilig, dass sie nicht mit den Händen berührt werden darf. Zum anderen dient der Torazeigerals Hilfe beim Vorlesen im Gottesdienst.

Victoria Anschütz, Studentin der Uni Erfurt und Praktikantin im Netzwerk „Jüdisches Leben Erfurt“

Gibt es Engel im Judentum?

Natürlich ist es nicht wissenschaftlich belegt, dass Engel existieren. Aber wie auch Christen und Muslime, glauben Juden an verschiedene Engel.

Jeder Engel hat im Judentum eine bestimmte Aufgabe. So behüten die Erzengel Michael, Gabriel, Uriel und Raphael die Schlafenden. Sogar Satan, der Teufel, ist im jüdischen Glauben ein Engel. Seine Aufgabe ist es, Menschen im Auftrag Gottes zu prüfen, anzuklagen und Strafen zu verhängen.

Victoria Anschütz, Studentin der Uni Erfurt und Praktikantin im Netzwerk „Jüdisches Leben Erfurt“