Die Baugeschichte der mittelalterlichen Mikwe

Die Anfänge

Alte Häuser an Ufer
Foto: Bis 1945 stand direkt am Fluss eine geschlossene Häuserfront. Im zweiten Haus, Kreuzgasse 11, befand sich die Mikwe.

Wohl schon im 12. Jahrhundert besaß die jüdische Gemeinde eine Mikwe, von der heute lediglich die Südwand erhalten ist. An diese Wand angelehnt, wurde im 13. Jahrhundert ein neuer Mikwenbau errichtet, der bis heute in großen Teilen erhalten ist. Das Gebäude war etwa 9 m lang und im Inneren knapp 3 m breit. Die Mauern sind von außergewöhnlich guter Qualität. Gewölbe und oberer sowie unterster Teil der Wände bestehen aus Kalksteinen, die in gleichmäßigen Lagen gemauert sind. Die Nordwand weist eine Lichtnische auf. Der Zugang zur Mikwe erfolgte über eine Treppe von Westen, von der sich die Abdrücke der Stufen an der Nordwand erhalten haben.

Das Wasserbecken liegt in unmittelbarer Flussnähe am Gebäudeende und erstreckt sich über die gesamte Breite. Auffallend ist ein Wechsel im Mauerwerk. Im Beckenbereich sind auf Höhe des mittelalterlichen Grundwasserstandes in mehreren Lagen ausschließlich große Sandsteinquader verbaut, wie sie sonst in keinem Erfurter Keller zu finden sind. Sie stammen wohl vom Vorgängerbau.

Der nach 1472 erweiterte christliche Friedhof erstreckte sich über einen Teil des ehemaligen Mikwenbaus. Die Ausgrabung und Dokumentation von rund 80 Bestattungen nahm sehr viel Zeit in Anspruch.

Der Pogrom von 1349 hinterließ deutliche Spuren am Gebäude. Offensichtlich wurde die Mikwe, wie viele Gebäude im jüdischen Quartier, massiv beschädigt. Man erkennt in der Nordwand eine deutliche Fuge, die auf Reparatur und Wiederaufbau deutet. Die 1354 neu gegründete jüdische Gemeinde nutzte das Bad wieder.

Romanische Plastik

An einem in der 2. Bauphase zweitverwendeten Sandsteinquader wurde 2010 eine kleine Plastik entdeckt. Dabei handelt es sich um einen äußerst qualitätvoll gearbeiteten Kopf eines jungen, bartlosen Mannes, der eine Lilienkrone trägt. Stilistisch kann dieses Bildnis in die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts datiert werden. Er ist umgedreht eingemauert und war unter Mörtel verborgen. Wie es zu interpretieren ist, bleibt unklar. Ebenso wenig lässt sich abschließend klären, woher die wiederverwendeten Sandsteinblöcke stammen.

Nachnutzung

Nach der erzwungenen Abwanderung der Juden aus Erfurt 1453 wurde das Wasserbecken verfüllt und die Mikwe in einen Keller umgewandelt. Im Jahr 1472 zerstörte ein Stadtbrand das dazugehörige Haus. Danach wurden Nord- und Westwand abgebrochen und vor dem Schutt im westlichen Teil eine Zwischenwand eingezogen. So konnte der Raum weiter als Keller genutzt werden, mit einem neuen Zugang durch die Ostwand. Ab 1495 wurde der Friedhof der Benediktikirche über die Westhälfte der ehemaligen Mikwe ausgeweitet. Das Haus selbst stand noch bis in die 1940er Jahre, 1960 erfolgte hier die Anlage einer Grünfläche.

Mit der Freilegung der Mikwe konnte ein neuer Puzzlestein dem Netzwerk "Jüdisches Leben in Erfurt" sowie der Bewerbung für den Titel "Unesco-Weltkulturerbe" hinzugefügt werden.

Der Schutzbau wurde in der ersten Jahreshälfte 2011 durch das Architekturbüro Gildehaus und Reich Weimar errichtet. Die museale Präsentation der Mikwe eröffnete im September 2011. Seitdem sind Besichtigungen des Ritualbads im Rahmen von Führungen möglich.