Jüdische Gemeinde im 19. und 20. Jahrhundert

Das Gesicht eines älteren Mannes
Bild: David Salomon Unger

Rund 350 Jahre nachdem Juden aus Erfurt ausgewiesen worden waren, durften sich in der Stadt wieder Menschen mit jüdischem Glaubensbekenntnis ansiedeln. 1789 erhielten sie gegen Zahlung eines Leibzolls ein kurzzeitiges Aufenthaltsrecht. Erst 1810 wurde - unter dem Einfluss der französischen Herrschaft in Erfurt - einem Juden (David Salomon Unger) wieder das Bürgerrecht verliehen. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich wieder eine bedeutende Gemeinde, die schnell anwuchs. Der Friedhof befand sich zunächst an der heutigen Cyriakstraße, später wurde aus Platzmangel der Neue Friedhof angelegt, der noch heute der Gemeinde als Begräbnisplatz dient.

Ein ähnliches Bild ergibt sich bei den Synagogen: Zunächst wurde ein privates Wohnhaus an der Stadtmünze als Bethaus genutzt, das 1840 durch eine Synagoge an derselben Stelle ersetzt wurde (die heutige Begegnungsstätte Kleine Synagoge). Später war auch diese Stätte zu klein und man erbaute die große Synagoge mit etwa 500 Plätzen am Kartäuserring (heute: Juri-Gagarin-Ring). Der prächtige Bau im "maurischen" Stil des Historismus wurde am 4. September 1884 geweiht.

In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 wurde die Erfurter Synagoge von SA-Mannschaften geplündert und in Brand gesetzt. Übergriffe auf Geschäfte und Wohnungen, Verwüstungen in der Trauerhalle auf dem Neuen jüdischen Friedhof und die Schändung des alten Friedhofs gingen einher mit der Misshandlung verhafteter Männer. Die Turnhalle der Oberrealschule, Meyfartstraße, diente in jener Nacht als Sammelpunkt für annähernd 200 Männer, die in das KZ Buchenwald verschleppt wurden. Am 6. April 1939 gingen sämtliche Grundstücke der ehemaligen Synagogengemeinde in das Eigentum der Stadt Erfurt über.

1932 lebten in Erfurt 1.290 Einwohner und Einwohnerinnen mit jüdischem Glaubensbekenntnis. Nach der Übertragung der Macht an die deutschen Faschisten ergaben die Volkszählungen im Juni 1933 noch 831, im Mai 1939 nur noch 263. Die Mitglieder der Erfurter Synagogengemeinde und darüber hinaus alle als Juden geltenden Menschen wurden ausgegrenzt, verfolgt, ausgeraubt, zur Flucht oder in den Freitod getrieben. Nur wenige haben in den Ghettos und den Vernichtungslagern überlebt. Eine kleine Gruppe kehrte im Juni 1945 aus dem KZ Theresienstadt nach Erfurt zurück.